Des einen Leid, des andern Frust,
weder Schneid, noch heilende Brust.
Mir scheint die Welt steckt im Verdruss,
und zu allem Überfluss,
fehlt dem Ganzen gar der Sinn.
Ersetzt ihn so Mancher mit Gewinn.
So nimmt das Übel seinen Lauf,
glückselig nimmst Du's in Kauf.
An dieser Stelle geht's zu Grunde,
im Gewissen steckt wohl die Wunde.
Zu dieser schweren Stunde,
ich bitte dich.
Setzt dem Ganzen ein End'
Noch ist die Moral kniend.
Hab' ein wenig Rücksicht,
nimm dies Gedicht zur Pflicht.
Mach Gebrauch von Deiner Frist,
um es zu vertreiben,
des Menschenkindes Egoist,
damit Gutes soll verbleiben.
von Talen D. aus Frankfurter Bibliothek 2010
15.06.2009
13.06.2009
Selbst-bestätigte Intimität
Fremd-bestätigte Intimität hört sich in etwa so an: "Ich vertraue dir etwas an, aber nur, wenn du dich dann auch mir anvertraust. Falls du dazu nicht bereit bist, lasse ich es sein. Ich will aber, daß wir das tun, also mußt du mitmachen. Ich fange an, und dann bist du verpflichtet, dich deinerseits zu öffnen - das ist nur gerecht so. Wenn ich anfange, mußt du mir das Gefühl der Sicherheit geben. Ich muß dir vertrauen können!"
Ganz anders klingt dagegen Selbst-bestätigte Intimität: "Ich kann nicht vorraussetzen, daß du meine Sicht der Dinge teilst. Du bist nicht auf der Welt, um mich zu bestätigen und mir zu sagen, dass ich alles richtig mache. Ich will aber, daß du mich liebst - und das geht nur, wenn du mich wirklich kennst. Ich will nicht, dass du mich ablehnst - aber ich muss das riskieren, wenn ich mich bei dir wirklich angenommen und geborgen fühlen möchte. Es ist an der Zeit, mich dir so zu zeigen, wie ich bin und empfinde und mich der Tatsache zu stellen, dass ich ein von dir getrenntes, sterbliches Wesen bin. Eines Tages werden wir nicht mehr zusammensein und ich wünsche mir, dass du mich dann wirklich gekannt hast."
[...]
Ich sagte zu ihr: "Ich weiß, dass es einen guten Grund dafür gibt, also frage ich Sie danach: Warum sind Sie bereit zum Geschlechtsverkehr mit ihrem Mann, aber nicht bereit, ihn zu küssen?" Sie erwiderte ohne Zögern: "Wenn ich mit ihm schlafe, fällt er mir weniger auf die Nerven. Außerdem habe ich gern Orgasmen." Soviel zum Thema Eheleben und Romantik.
"Die Psychologie sexueller Leidenschaft" von David Schnarch
Ganz anders klingt dagegen Selbst-bestätigte Intimität: "Ich kann nicht vorraussetzen, daß du meine Sicht der Dinge teilst. Du bist nicht auf der Welt, um mich zu bestätigen und mir zu sagen, dass ich alles richtig mache. Ich will aber, daß du mich liebst - und das geht nur, wenn du mich wirklich kennst. Ich will nicht, dass du mich ablehnst - aber ich muss das riskieren, wenn ich mich bei dir wirklich angenommen und geborgen fühlen möchte. Es ist an der Zeit, mich dir so zu zeigen, wie ich bin und empfinde und mich der Tatsache zu stellen, dass ich ein von dir getrenntes, sterbliches Wesen bin. Eines Tages werden wir nicht mehr zusammensein und ich wünsche mir, dass du mich dann wirklich gekannt hast."[...]
Ich sagte zu ihr: "Ich weiß, dass es einen guten Grund dafür gibt, also frage ich Sie danach: Warum sind Sie bereit zum Geschlechtsverkehr mit ihrem Mann, aber nicht bereit, ihn zu küssen?" Sie erwiderte ohne Zögern: "Wenn ich mit ihm schlafe, fällt er mir weniger auf die Nerven. Außerdem habe ich gern Orgasmen." Soviel zum Thema Eheleben und Romantik.
"Die Psychologie sexueller Leidenschaft" von David Schnarch
09.06.2009
guter Kaffee
Holzhütte, draußen in der Wüste. Cheyenne und Claudia im Raum. Cheyenne sitzt am Tisch.Cheyenne: "Ich glaube du hast nicht begriffen in welcher Lage du bist."
Claudia nimmt den Teesied voll heißem Wasser vom Feuer.
Claudia: "Doch das hab ich sehr gut begriffen. Ich weiß, dass ich Ihnen ausgeliefert bin. Ich kann mich nicht wehren. Und warscheinlich werden ihre Männer in ein paar Minuten über mich herfallen. Na Los! Rufen Sie sie rein! MIR macht das nichts aus. Ich werd schon nicht daran krepieren. Denn wenn's vorbei ist ,nehm ich mir nen großen Eimer warmes Wasser und alles ist wie's vorher war. Dreckige Erfahrungen im Leben können nicht schaden!" Sie knallt den Teesied auf den Tisch und holt den Kaffee. Cheyenne betrachtet den Teesied.
Cheyenne: "Du kochst bestimmt nen guten Kaffee."
Spiel mir das Lied vom Tod (1968)
19.05.2009
Du bist am Ende – was du bist.

Faust: Du hörest ja, von Freud’ ist nicht die Rede.
Dem Taumel weih’ ich mich, dem schmerzlichsten Genuss,
Verliebtem Hass, erquickendem Verdruss.
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen,
Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,
Will ich in meinem innern Selbst genießen,
Mit meinem Geist das Höchst’ und Tiefste greifen,
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,
Und, wie sie selbst, am End’ auch ich zerscheitern.
Mephistopheles: O glaube mir, der manche tausend Jahre
An dieser harten Speise kaut,
Dass von der Wiege bis zur Bahre
Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!
Glaub’ unser einem, dieses Ganze
Ist nur für einen Gott gemacht!
Er findet sich in einem ew’gen Glanze,
Uns hat er in die Finsternis gebracht,
Und euch taugt einzig Tag und Nacht.
Faust: Allein ich will!
Mephistopheles: Das lässt sich hören!
Doch nur vor einem ist mir bang:
Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.
[...]
Faust: Was bin ich denn, wenn es nicht möglich ist
Der Menschheit Krone zu erringen,
Nach der sich alle Sinne dringen?
Mephistopheles: Du bist am Ende – was du bist.
Setz’ dir Perücken auf von Millionen Locken,
Setz’ deinen Fuß auf ellenhohe Socken,
Du bleibst doch immer, was du bist.
Faust: Ich fühl’s, vergebens hab’ ich alle Schätze
Des Menschengeists auf mich herbeigerafft,
Und wenn ich mich am Ende niedersetze,
Quillt innerlich doch keine neue Kraft;
Ich bin nicht um ein Haar breit höher,
Bin dem Unendlichen nicht näher.
"Faust - Der Tragödie Erster Teil" von Johann Wolfgang Goethe
14.05.2009
Stellt euch vor
Stellt euch vor, ein Raumschiff landet irgendwo. Die Leute vom Mars (sichtbar oder unsichtbar, das ist eure Entscheidung) verlassen ihr Raumschiff und erleben - irgend etwas. Anschließend schreiben sie ein Protokoll. Dieses Protokoll ist eure Aufgabe. Ob das jetzt ein Bericht aus einem Schwimmbad, von der Autobahn oder von einem ganz anderem Ort ist, liegt an euch.
Kreatives Schreiben VHS Dortmund, 04.03.2009 - Gisela Schalk
Kreatives Schreiben VHS Dortmund, 04.03.2009 - Gisela Schalk
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Frankreich - zweiter Weltkrieg, nahe Elsars Lohtringen Stille erfüllt das Land. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen.Trümmer von Häusern und vereinzelte Kadaver zieren die steinige Berggegend. Der Himmel ist schwarz gekleidet und wird von Kanonengeräuschen erfüllt. Eine kleine Wolkenkette öffnet sich. Ein viereckiger Würfel fällt ambossartig vom Himmel und kugelt den Berg hinunter, dann löst er sich auf. Zwei Wesen erscheinen. Ihre Körper flurosieren im Licht und verformen sich regelmäßig. Sie bestehen aus Atomen und tanzen nebelartig mit der Luft. Gehalten werden sie von einem milchähnlichen Nebel, der ihre leuchtenden Körper umsäumt. Erst scheinen die beiden Körper grün, dann gold und dann gehen sie getrennte Wege. Der erste Nebelkörper entfernt sich vom Donnergeräusch. Es tastet die Umgebung ab. Lernt Felsen kennen, spürt neue Energien. Von der Zusammensetzung des Wassers, unten am Fluss, ist es völlig fasziniert. Die goldschimmernden Atome baden in der Strömung. Fluss aufwärts reisend, sitzt eine ältere Frau mit ihrem Kind am Fluss. Beide weinen. Das Kind liegt in den Armen der Frau. Weinen und Trauer erfüllt die Umgebung. Der Nebel weicht ab vom Wasser und nähert sich den Beiden. Für den Nebelkörper waren dies völlig neue Energien. Emotionen sind für es völlig unbekannt. Mutter und Kind haben die Augen geschlossen. Der Nebel durchstreift die Frau, fühlt alles mit, lernt alle Atome in ihrem Körper kennen. Ein Ruck geht durch die Atome des Nebels, wie ein Herzschlag. Ein Herzschlag, der beim anderen Nebelkörper gerade erlischt. Es befindet sich mitten auf dem Schlatfeld und durchsteift gerade den Körper eines SS-Soladten, der von einer Kugel getroffen ist. Die letzten Gedanken widmet er seiner Familie und der Nebel erlebt sie mit. Es flog weiter. Ein Alliierter schießt eine Kugel aus einem Scharfschützengewehr, die ihr Ziel im Kopf eines weiteren SS-Soladten finden sollte. Sie trifft den Nebel. Die Energie der Kugel geht in den Nebel über und dieser breitet sich kurz aus und zieht sich wieder zusammen. Die Kugel fällt zu Boden. Der Scharfschütze merkt nichts. Er hat längst den nächsten Kopf im Visier. |
Zu diesem Bild
Der Erzähler gehört selbst nicht zur Geschichte, die er erzählt, sondern ist ihr Urheber und Vermittler. Er ist nicht Teil der dargestellten Welt, sondenr schildert sie von außen, ist der "allwissende Erzähler".
Er kann Zusammenhänge mit zukünftigen oder vergangenen Ereignissen knüpfen, sie kommentieren und Wertungen abgeben. Er kann das Tun verschiedener Charaktere zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten schildern. Auch weiß er mehr als die Figuren, kennt deren Gefühls- und Gedankenwelt.
Lassen wir also den allwissenden Erzähler eine Geschichte zum folgenden Bild erzählen:
Kreatives Schreiben VHS Dortmund, 25.03.2009 - Ursula Posse-Kleimann
Dieses Bild stand in Veronicas Vitrine, die unübersehbar im blauen Top darauf zu erkennen war und jeden Morgen nach dem Aufstehen sah sie das Bild an und war den Tränen nahe. Sie war talentiert. Ihre Katze spürte das und strich ihr heilsam um ihr Bein.
"Danke, meine Süße", sagte Veronica, beugte sich hinab und streichelte sie. Der Tag verging und gegen Abend kam Joachim vorbei, ihr Tanzpartner in dem Stück, der Mann an den sie sich lehnt in diesem Bild.
"Wie geht's dir?", fragte er sie auf dem Sofa sitzend.
"Wie soll es mir schon gehen. Ich kann nicht mehr tanzen!"
Sie betrachtete ihr linkes nicht vohandenes Bein. Tränen überkamen sie. Joachim nahm sie in den Arm.
"Hey, ist ja schon gut."
Ein paar Minuten vergingen und Joachim blickte ihr in die Augen.
"Was willst du jetzt machen?"
"Ich werde Sonnenstrahlen schreiben", antwortete sie. Dann griff sie zu einer Blume neben sich und streichelte den Stiel an ihrer Wange mit geschlossenen Augen. Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer und verloren sich. Sie träumte ihr eigenes Musical und die Sonnenstrahlen formten menschenähnliche Figuren die tanzten. Joachim sah es.
"Das ist ja unglaublich! Wie machst du das?"
Plötzlich wuchsen Joachim Flügel aus dem Rücken, so wie Veronica es träumte.
"Was tust du. Nein! Nicht!" Joachim schrie vor Schmerz. Als die Flügel aus dem Rücken wuchsen blutete seine ganze Haut. Er musste es stoppen, dachte er. Es waren die höllischten Schmerzen, die er je empfunden hatte. Er nahm ein Kuchenmesser, das auf dem Tisch lag und erstach Veronica. Er stach solange und so oft zu, bis die Flügel verschwanden und die Sonnenstrahlen verblassten. Die Katze lachte schelmisch und leckte Veronicas Blut auf.
Er kann Zusammenhänge mit zukünftigen oder vergangenen Ereignissen knüpfen, sie kommentieren und Wertungen abgeben. Er kann das Tun verschiedener Charaktere zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten schildern. Auch weiß er mehr als die Figuren, kennt deren Gefühls- und Gedankenwelt.
Lassen wir also den allwissenden Erzähler eine Geschichte zum folgenden Bild erzählen:
Kreatives Schreiben VHS Dortmund, 25.03.2009 - Ursula Posse-Kleimann
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Dieses Bild stand in Veronicas Vitrine, die unübersehbar im blauen Top darauf zu erkennen war und jeden Morgen nach dem Aufstehen sah sie das Bild an und war den Tränen nahe. Sie war talentiert. Ihre Katze spürte das und strich ihr heilsam um ihr Bein.
"Danke, meine Süße", sagte Veronica, beugte sich hinab und streichelte sie. Der Tag verging und gegen Abend kam Joachim vorbei, ihr Tanzpartner in dem Stück, der Mann an den sie sich lehnt in diesem Bild.
"Wie geht's dir?", fragte er sie auf dem Sofa sitzend.
"Wie soll es mir schon gehen. Ich kann nicht mehr tanzen!"
Sie betrachtete ihr linkes nicht vohandenes Bein. Tränen überkamen sie. Joachim nahm sie in den Arm.
"Hey, ist ja schon gut."
Ein paar Minuten vergingen und Joachim blickte ihr in die Augen.
"Was willst du jetzt machen?"
"Ich werde Sonnenstrahlen schreiben", antwortete sie. Dann griff sie zu einer Blume neben sich und streichelte den Stiel an ihrer Wange mit geschlossenen Augen. Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer und verloren sich. Sie träumte ihr eigenes Musical und die Sonnenstrahlen formten menschenähnliche Figuren die tanzten. Joachim sah es.
"Das ist ja unglaublich! Wie machst du das?"
Plötzlich wuchsen Joachim Flügel aus dem Rücken, so wie Veronica es träumte.
"Was tust du. Nein! Nicht!" Joachim schrie vor Schmerz. Als die Flügel aus dem Rücken wuchsen blutete seine ganze Haut. Er musste es stoppen, dachte er. Es waren die höllischten Schmerzen, die er je empfunden hatte. Er nahm ein Kuchenmesser, das auf dem Tisch lag und erstach Veronica. Er stach solange und so oft zu, bis die Flügel verschwanden und die Sonnenstrahlen verblassten. Die Katze lachte schelmisch und leckte Veronicas Blut auf.
09.05.2009
Es muss ein guter da sein
Verehrtes Publikum, jetzt kein Verdruss:Wir wissen wohl, das ist kein rechter Schluss.
Vorschwebte uns: die goldene Legende.
Unter der Hand nahm sie ein bitteres Ende.
Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
Dabei sind wir doch auf Sie angewiesen
Daß Sie bei uns zu Haus sind und genießen.
Wir können es uns leider nicht verhehlen:
Wir sind bakrott, wenn Sie uns nicht empfehlen!
Vielleicht fiel uns aus lauter Furcht nichts ein
Das kam schon vor. Was könnt die Lösung sein?
Wir könnten keine finden, nicht einmal für Geld.
Soll es ein andrer Mensch sein? Oder eine andre Welt?
Vielleicht nur andere Götter? Oder keine?
Wir sind zerschmettert und nicht nur zum Scheine!
Der einzige Ausweg wär aus diesem Ungemach:
Sie selber dächten auf der Stelle nach
Auf welche Weis dem guten Menschen man
Zu einem guten Ende helfen kann.
Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!
Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!
"Der gute Mensch von Sezuan" von Bertolt Brecht
27.04.2009
Briefe an Vera 1 - 23
1
Liebe Vera
Das Licht hier ist so sonderbar. Man erkennt die Menschen, die sich um einen 'rum bewegen, kaum. Es ist nicht zu dunkel, es blendet auch nicht, nur die Schatten liegen irgendwie falsch. Du solltest vorbeikommen und es dir ansehen. Es würde dich sicherlich amüsieren. Du lachst ja so gerne über unverständliche Dinge. Ich lache neuerdings auch wieder, aber nicht zu laut, um die Geier, die ich mir halte, nicht zu erschrecken. Sie schlafen immer, wenn ich nach ihnen schaue und ihnen die verwesenden Tiere - Katzen und Hunde meistens - bringe, die ich während meiner nächtlichen Autofahrten erlege. Kannst du dich noch an diese Fahrten erinnern? Wir waren oft zusammen und betrachteten die Kaninchen, die wie versteinert auf der Straße standen und in unsere Scheinwerfer blickten. Und du wurdest dabei immer ganz feucht. Vor allem, wenn ich sie erwischte.
Mir fehlt dein Lachen
Beckmann
2
Liebe Vera
Es schmerzt mich, an dich zu denken, doch ich denke zur Zeit fast nur noch an dich. Ich versuche, mich mit Erinnerungen wach zu halten, am Leben zu bleiben. Doch es gibt mittlerweile nicht mehr allzuviel, an das ich mich erinnere, ich habe sie alle ausgesaugt - die Erinnerungen. Ich sehne mich nach einer neuen Erfahrung, an die ich mich dann erinnern kann. Ich hoffe, wir treffen uns noch dieses Jahr.
In Sehnsucht
Beckmann
3
Liebe Vera
Nun sind sie aufgebraucht, die Erinnerungen. Du verschwimmst immer mehr zu einem Gespenst, ich weiß nur noch, daß es diese eine Nacht gab. Wo trafen wir uns? Ich glaube, daß es da eine Bautänzerin gab, aber ich möchte es nicht beschwören. Du bist inzwischen fast nur noch ein Name.
Ich möchte deine Hände sehen.
Ich frage mich, wann ich wohl deinen Namen vergessen werde. Weißt du eigentlich noch, wer ich bin?
Manchmal frage ich mich, ob du nicht das Mädchen warst, mit dem ich mich neulich so gut unterhalten habe, und ich habe dich nur nicht erkannt. Oder die, die mir in der Trambahn gegenüber saß. Sie hatte so tiefblaue traurige Augen, daß ich einen Moment daran dachte, ihr das alte Messer in die Brust zu rammen. Ich habe dir - glaub ich - von ihm erzählt - von dem Messer. Es ist ein Erbstück, daß ich von meinem Großvater bekommen habe, und auf der Klinge sind unverständliche Runen eingeritzt. Ich habe nie versucht, sie zu entschlüsseln, vielleicht ist es ja nur ein Kochrezept, aber mit diesem Messer schneide ich mir immer die Narben in den Körper, die du so bewundert hast.
Hast du?
Beckmann
4
Liebe Vera
Langsam kehren Bilder aus unserer Vergangenheit zurück. Als du für mich die Wildsau geschlachtet hast und wir das Blut getrunken haben. Ich habe es dir in den Ausschnitt geschüttet, und unter deinem vormals weißen T-Shirt traten deine Brüste rot hervor. Du hast gelacht. Ich fand es immer so schön, daß du lachtest, wenn ich etwas tat. Das war wie eine Bestätigung.
Dafür geht mir jetzt mein Zeitgefühl verloren. Nach der Tatkräftigkeit meiner Lunge zu schlissen dürfte ich etwa 6o Jahre alt sein, doch ich habe nicht viel Bartwuchs. Ich könnte nicht verbindlich sagen, ob ich volljährig bin, aber ich möchte auch keinen Kinderfahrschein lösen. Ich habe versucht, mich an Zahlen auf meinen Geburtstagstorten zu erinnern, und da war eine fünf - es könnten aber auch zwei gewesen sein.
Wie lange ist es her, daß wir uns zuletzt sahen? Vielleicht kannst du mir diese Frage beantworten. Schreib mir doch mal, ja?
Beckmann
5
Liebe Vera
Ich glaube, ich verlasse dich jetzt. Das klingt vielleicht komisch, da wir ja eigentlich nie zusammen waren. Ich weiß auch nur andeutungsweise, wie du unterhalb deines Kragens aussiehst, ich weiß von dir nur, was du mir geschrieben hast, und, daß wir uns irgendwann einmal gesehen haben. Bist du eigentlich blond?
Beckmann
6
Liebe Vera
Wie ist es dir ergangen, seit wir uns getrennt haben? Ich habe einen alten Brief gefunden, von dir, doch er war unverständlich. Ich konnte den Worten keinen Sinn mehr entnehmen, aber sie über auf mich immer noch eine Magie, eine Faszination aus. Ich würde dich gerne einmal wiedersehen, nur so, um über alte Zeiten zu reden.
Ich bin wieder in das alte Verhaltensmuster zurückgefallen und töte die Mädchen, mit denen ich schlafe meistens - danach. Meine Sammlung ist jetzt einiges größer geworden, willst du sie nicht wieder einmal sehen? Früher fandest du sie immer so toll.
Hast du zur Zeit einen Freund? Ich würde ihn gerne mal kennenlernen. Bring ihn doch mal mit.
Ich vermisse unsere Zeit
Beckmann
7
Liebe Vera
Abends, nachdem ich aufgestanden bin, steige ich immer in die Kanalisation hinab und jage Ratten durch die Rohre, die wie verrückt quieken. Wenn ich eine erwischt habe, beiße ich ihr immer den Kopf ab. Ich esse ihn nicht. Das erinnert mich an dich.
Ich hoffe, es geht dir gut
Beckmann
8
Liebe Vera
Ich denke in letzter Zeit immer seltener an dich, das macht mich traurig, aber wir haben uns so lange nicht mehr gesehen. Ich war auch lange nicht mehr zu hause, suche nach neuem, unerlebtem.
Seit einiger Zeit versuche ich, mich täglich umzubringen. Es hat noch nicht geklappt, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Vielleicht schaffe ich es ja doch noch, vielleicht ist dies mein letzter Brief an dich. Du sollst aber wissen, daß ich dich immer geliebt habe. Ich wünsche dir noch ein schönes Leben.
Ich vermisse dich
Beckmann
9
Liebe Vera
Ich glaube, ich schaffe es doch nicht.
Bitte komm zurück
Beckmann
10
Liebe Vera
Sie haben mich erwischt, wie ich gerade einem toten Mädchen die Brüste abtrennte. Ich wollte wieder einmal etwas essen. Ich esse wenig.
Jetzt haben sie mich in ein Heim gesteckt, ich bekomme dreimal am Tag Nahrung, einmal warm. Der Kaffee ist schlecht und die Wärter schrecklich unsensibel. Es gibt keine Frauen, das wäre zu gefährlich. Der Typ, der mit mir im Zimmer ist, ein glatzköpfiger ausgemergelter Greis, hat seinen drei Töchtern tote Eulen in die Vagina gesteckt. Das amüsiert mich, ich habe ich gefragt, warum er sie nicht gegessen hat - Eulen und Töchter. Die anderen sprechen nicht viel, und schreiben können die meisten nicht mehr.
Hier versucht jeder, sich umzubringen, darum ist es mir jetzt zu langweilig geworden. Ich habe jetzt eine neue Herausforderung: Überleben. Ich merke, wie mich die Drogen verändern.
Trotzdem habe ich dich nie vergessen
Beckmann
11
Liebe Vera
gestern war ich bei unserem Psychologen. Er ist ein kleiner dicker Mitsechziger mit schrecklich weißer Haut und feuchten Händen. Ständig kaut er auf irgendwas herum. Ich habe ihm das gesagt und er hat mir einen Spielgel vorgehalten. Ich sah ihm sehr ähnlich. Er sagte mir, daß ich im Schlaf von dir gesprochen hätte, und daß ich nur gesund werden kann, wenn ich dich vergesse. Ich habe doch noch nie im Schlaf gesprochen. Ich habe ihm gesagt, daß du der einzige Grund bist, warum ich überhaupt hier raus will. Er meinte, du bist nur Einbildung. Ich wußte gar nicht, daß ich so schöne Phantasien habe.
Das erheitert mich
Dein
Beckmann
12
Liebe Vera
ich weiß, es ist noch nicht lange her, daß ich dir geschrieben habe, doch ich muß dir sagen, daß sie meine Post kontrollieren, denn sie haben mit mir über meinen letzten Brief an dich gesprochen. Ich schreibe dir jetzt also nicht mehr, und versuche, dich zu vergessen, ich möchte hier heraus. Ich werde diese Briefe vermissen.
Ich liebe dich
Beckmann
13
Liebe Vera
Es ist lange her, daß ich geschrieben habe, aber ich weiß nicht, wie lange, dazu müßte ich wissen, wie lange ich in diesem Heim war. Sie haben mich jetzt entlassen und mir gesagt, daß ich jetzt gesund sei. Sie haben mir nie gesagt, was eigentlich meine Krankheit war, und als ich den Arzt das fragte, sagte er nur:
A: War ich krank? Bin ich genesen?
Und wer ist mein Arzt gewesen?
Wie vergaß ich alles das?
B: Erst jetzt weiß ich dich genesen,
Denn gesund ist, wer vergaß.
Er sagte, das sein von Nietzsche, ich sagte, daß sein Scheiße, er lachte und sagte, viel Glück im neuen Leben.
Ich möchte dich jetzt endlich wiedersehen, ich habe so lange gewartet. Leider sind meine Geier inzwischen gestorben, aber wir könnten uns ja unter den Trauerweiden bei dem kleinen See treffen, wo unsere Kinder ertrunken sind. Auch dort war ich lange nicht mehr.
Meine Liebe ist ungebrochen
Dein
Beckmann
14
Liebe Vera
Ich glaube, du hast mich vergessen, ich verstehe das nicht.
Machs gut, vielleicht schaffe ich es auch alleine.
Beckmann
15
Liebe Vera
Ich muß mich wohl daran gewöhnen, von dir keine Antworten mehr zu erhalten, aber ich schreibe dir trotzdem. Es ist nicht leicht, im neuen Leben Fuß zu fassen, und ich brauche diese Aussprachen einfach. Es hilft mir, meine Gedanken zu ordnen und zu verarbeiten, was ich tue. Ich habe mir einen Bungalow am Stadtrand gemietet und halte mir ein Rudel Wölfe in einem Zwinger, der den gesamten Garten einnimmt. Ab und an finde ich ein spielendes Kind und werfe es hinein, und dann setze ich mich an mein Fenster, zünde mir eine Pfeife an und schaue zu. Meistens dauert es nicht lange, denn sonst bekommen sie nichts zu essen. Manchmal zerfleischen sie sich auch gegenseitig - im Kampf um das Futter. Nachts kann ich wegen dem Bellen nicht schlafen. Nachbarn habe ich keine.
Das nächste Kind werde ich dir widmen
Dein
Beckmann
16
Liebe Vera
Neulich kam ein alter Mann vorbei und frage mich, ob ich nachts auch immer den Mond anschaue. Er sagte mir, daß im Mond die Zukunft geschrieben steht und man nur hinaufblicken muß - die ganze Nacht - und man kann sie lesen. Ich erstach ihn und warf ihn in den Zwinger. Die Wölfe rührten ihn nicht an. In der Nach schaute ich dann zum Mond und sah sein Gesicht. Ist das die Zukunft?
Dein
Beckmann
p.s.: Der Alte sah genauso aus wie der, der bei mir im Zimmer war, damals.
17
Liebe Vera
Es ist traurig, aber mein Augenlicht wird immer schlechter. Ich habe erst gestern wieder ein Päckchen Nudelsuppe mit einem Päckchen Reis verwechselt. Die Suppe war ungenießbar, doch ich brauche nicht viel zu essen. Ich muß in den letzten drei Wochen ungefähr 8 Kilo abgenommen haben, doch noch bin ich kräftig genug, um die drei Treppen zu meiner Wohnung hinaufzusteigen. Du kennst doch meine Wohnung? Diese netten drei Zimmer in der Altstadt, deren Fenster auf eine Einkaufsstraße zeigen. Früher saß ich da immer und blickte den jungen Pärchen nach, die zwischen Fast-Food-Lockalen, Schmuckgeschäften und Mode Boutiquen hin und her gingen, die Arme ineinander gehakt, ihr grünen Augen glitzernd von den goldenen Ohrringen in der Auslage, sein ständig besorgter Griff zum Portemonnaie, und seine vom Zigarettenrauch schon leicht gelblichen Zähne, die sie glücklich anlächelten, wenn sie an ihm auf und ab hüpfte, weil sie eine wunderschöne Brosche entdeckt hatte. Mit meinen Zähnen kann schon lange keiner mehr mithalten. Die drei Päckchen Filterlose, die ich am Tag rauche, werden mir von der Tochter des Zigarettenhändlers um die Ecke jeden Tag in die Wohnung gebracht, doch sie läutet nur, die kleine zehnjährige, und gibt sie mir an der Tür. Sie kommt nie herein. Schade.
Du solltest sie dir mal anschauen.
Beckmann
18
Liebe Vera
Meine Augen müssen ein bißchen besser geworden sein, denn ich kann mich ab und zu Morgens im Spiegel erkennen. Das, was ich sehe, erinnert mich immer mehr an den alten Mann, der damals in unserer Straße lebte, als ich noch jung war. Der, der nachts immer mit seiner Flinte rausging, um auf nächtlich herumlungernde Juden zu schießen. Ab und zu traf er auch welche. Er tat das so lange, bis die Juden ihn dann in seiner Wohnung aufhängten.
Sie liesen ihn hängen und niemand vermißte ihn. Nur ich habe jeden Tag zu ihm reingeschaut und beobachtet, wie die Verwesung langsam voranschritt. Ich sehe jetzt ungefähr so aus, wie er, nachdem er drei Wochen lang hing.
Schreib mir, dann schick ich dir ein Photo
Beckmann
19
Liebe Vera
Ich kann zwar nicht mehr viel erkennen, doch ich bin jetzt wieder dazu übergegangen, am Fenster zu sitzen und in die Straße hinunter zu blicken. Wie durch ein Wunder kann ich ausgezeichnet hören, und so lausche ich den Klängen des Lebens: Lachen und Schreien. Ich verhalte mich so wie so den ganzen Tag leise, damit ich höre, wenn eine meiner Mausefallen zuschnappt. Diese Mäuse sind eigentlich das einzige, was ich esse, denn mein Geld geht für Schnaps und Zigaretten drauf. Sie sind wohlgenährt, und so bin ich es auch. Wenn es zuschnappt, denn muß ich immer an allen Plätzen nachschauen, denn ich sehe jetzt wieder so schlechte, daß ich nur fühlen kann, ob eine Maus in der Falle ist. Ich hab mir dabei schon oft die Finger eingezwickt, aber das ist nicht so schlimm.
Komm doch mal vorbei
Beckmann
20
Liebe Vera
Seit gestern beobachte ich Nebelschwaben, die aus meinen Abflüssen in der Toilette und der Küche kriechen. Anfangs habe ich sie nicht beachtet, doch jetzt habe ich Angst, die Fenster zu öffnen, denn es hat sich mittlerweile so viel Nebel angesammelt, daß Passanten wohl die Feuerwehr rufen würden, wenn sie ihn aus meinen Fenstern quillen sehen würden. So viel macht es mir aber auch nicht aus, denn ich sehe ja sowieso nicht so gut, und riechen tut er nicht.
Neulich gab es einen Stromausfall und meine Küchenuhr, die mit den roten Leuchtziffern, die einzige, die ich habe, ist ausgefallen, und ich kann sie nicht mehr stellen, jetzt weiß ich überhaupt nicht mehr, wie spät es ist.
Na ja, was ist schon die Zeit, wenn man auf dich wartet?
Beckmann
21
Liebe Vera
Heute ist mir eingefallen, daß es ja sein könnte, daß du mir geschrieben hast und der Brief schon lange in meinem Briefkasten liegt, also bin ich hinuntergegangen und habe nachgeschaut, doch es war keiner da. Das hat mich traurig gemacht. Weil ich schon mal unten war, bin ich gegenüber in ein Café gegangen. Ich habe eine Espresso getrunken, hab fast vergessen, wie so etwas schmeckt. Bei dem Sonnenlicht konnte ich auch wieder etwas besser sehen. Ich denke, daß ich meine Wohnung jetzt doch einmal durchlüften werde, vielleicht finde ich meine Fallen leichter. Die Bedienung hat mich an mein Bild von dir in meiner Erinnerung erinnert. Eine zarte Frau von unschuldiger Schönheit aber mit einem sündhaften Lächeln. Ich wüßte gerne, wie du wirklich aussiehst, oder zumindest, wie du damals ausgesehen hast.
Ich liebe Dich
Beckmann
22
Liebe Vera
Ich habe mein altes Röhrenradio wieder hervorgeholt und war erfreut, zu bemerken, daß es noch funktioniert. Du kannst dich doch sicherlich noch an diese Geräte erinnern, wenn man sie einschaltet, dann dauert er ersteinmal fünf Minuten, bis sie warm geworden sind, und dann kommt Musik. Ich habe einen Klassiksender gefunden, und auch einen mit moderner Musik, doch meistens stelle ich einen Sender ein, der fast nur Worte bringt. Ich habe ja nicht all zu oft Gelegenheit, Menschen beim Sprechen zuzuhören. Jetzt sitze ich oft Stundenlang vor diesem leicht leuchtenden Apparat und blicke in die Ferne hinter meiner schmutzig-grauen Wohnzimmerwand. Was die Stimmen sagen, verstehe ich nicht, doch es ist angenehm, einfach nur den Klang zu hören. Wenn ich dann zu Bett gehe, meistens graut schon der Morgen, denn schwirren mir Erinnerungen an Worte, die ich einst gekannt habe, im Kopf herum und das im Radio gehörte gewinnt an Bedeutung, doch meist wache ich dann schweißgebadet auf, habe nur kurz geschlafen, vielleicht eine Stunde, und habe sofort alles wieder vergessen. Doch der trocken-ascherne Nachgeschmack auf der Zunge bleibt, und das Wissen, daß es etwas gab, was ich wußte, und das es nicht mehr gibt. Dann setze ich mich wieder vor meine schmutzig-graue Wohnzimmerwand und schalte das Radio ein.
Kannst Du Dich an etwas erinnern?
Beckmann
23
Liebe Vera
Ich merke langsam, daß es mit mir zu Ende geht, ich werde nicht schwächer, doch meine Zeit ist nah, daran besteht kein Zweifel. Ich bin nur froh, daß ich hier auf meinen Tod warten kann, nicht in irgendeiner Anstalt, in der man nicht einmal in Frieden sterben darf. Bitte, liebe Vera, tu mir zum Abschied noch einen Gefallen: Wo auch immer ich begraben werde, geh niemals an mein Grab. Nachdem ich jetzt so lange nichts von dir gehört habe, möchte ich auch nach meinem Tod dich so in Erinnerung behalten, wie du warst, einst, an einem Sommerabend in Rom.
Beckmann
Liebe Vera
Das Licht hier ist so sonderbar. Man erkennt die Menschen, die sich um einen 'rum bewegen, kaum. Es ist nicht zu dunkel, es blendet auch nicht, nur die Schatten liegen irgendwie falsch. Du solltest vorbeikommen und es dir ansehen. Es würde dich sicherlich amüsieren. Du lachst ja so gerne über unverständliche Dinge. Ich lache neuerdings auch wieder, aber nicht zu laut, um die Geier, die ich mir halte, nicht zu erschrecken. Sie schlafen immer, wenn ich nach ihnen schaue und ihnen die verwesenden Tiere - Katzen und Hunde meistens - bringe, die ich während meiner nächtlichen Autofahrten erlege. Kannst du dich noch an diese Fahrten erinnern? Wir waren oft zusammen und betrachteten die Kaninchen, die wie versteinert auf der Straße standen und in unsere Scheinwerfer blickten. Und du wurdest dabei immer ganz feucht. Vor allem, wenn ich sie erwischte.
Mir fehlt dein Lachen
Beckmann
2
Liebe Vera
Es schmerzt mich, an dich zu denken, doch ich denke zur Zeit fast nur noch an dich. Ich versuche, mich mit Erinnerungen wach zu halten, am Leben zu bleiben. Doch es gibt mittlerweile nicht mehr allzuviel, an das ich mich erinnere, ich habe sie alle ausgesaugt - die Erinnerungen. Ich sehne mich nach einer neuen Erfahrung, an die ich mich dann erinnern kann. Ich hoffe, wir treffen uns noch dieses Jahr.
In Sehnsucht
Beckmann
3
Liebe Vera
Nun sind sie aufgebraucht, die Erinnerungen. Du verschwimmst immer mehr zu einem Gespenst, ich weiß nur noch, daß es diese eine Nacht gab. Wo trafen wir uns? Ich glaube, daß es da eine Bautänzerin gab, aber ich möchte es nicht beschwören. Du bist inzwischen fast nur noch ein Name.
Ich möchte deine Hände sehen.
Ich frage mich, wann ich wohl deinen Namen vergessen werde. Weißt du eigentlich noch, wer ich bin?
Manchmal frage ich mich, ob du nicht das Mädchen warst, mit dem ich mich neulich so gut unterhalten habe, und ich habe dich nur nicht erkannt. Oder die, die mir in der Trambahn gegenüber saß. Sie hatte so tiefblaue traurige Augen, daß ich einen Moment daran dachte, ihr das alte Messer in die Brust zu rammen. Ich habe dir - glaub ich - von ihm erzählt - von dem Messer. Es ist ein Erbstück, daß ich von meinem Großvater bekommen habe, und auf der Klinge sind unverständliche Runen eingeritzt. Ich habe nie versucht, sie zu entschlüsseln, vielleicht ist es ja nur ein Kochrezept, aber mit diesem Messer schneide ich mir immer die Narben in den Körper, die du so bewundert hast.
Hast du?
Beckmann
4
Liebe Vera
Langsam kehren Bilder aus unserer Vergangenheit zurück. Als du für mich die Wildsau geschlachtet hast und wir das Blut getrunken haben. Ich habe es dir in den Ausschnitt geschüttet, und unter deinem vormals weißen T-Shirt traten deine Brüste rot hervor. Du hast gelacht. Ich fand es immer so schön, daß du lachtest, wenn ich etwas tat. Das war wie eine Bestätigung.
Dafür geht mir jetzt mein Zeitgefühl verloren. Nach der Tatkräftigkeit meiner Lunge zu schlissen dürfte ich etwa 6o Jahre alt sein, doch ich habe nicht viel Bartwuchs. Ich könnte nicht verbindlich sagen, ob ich volljährig bin, aber ich möchte auch keinen Kinderfahrschein lösen. Ich habe versucht, mich an Zahlen auf meinen Geburtstagstorten zu erinnern, und da war eine fünf - es könnten aber auch zwei gewesen sein.
Wie lange ist es her, daß wir uns zuletzt sahen? Vielleicht kannst du mir diese Frage beantworten. Schreib mir doch mal, ja?
Beckmann
5
Liebe Vera
Ich glaube, ich verlasse dich jetzt. Das klingt vielleicht komisch, da wir ja eigentlich nie zusammen waren. Ich weiß auch nur andeutungsweise, wie du unterhalb deines Kragens aussiehst, ich weiß von dir nur, was du mir geschrieben hast, und, daß wir uns irgendwann einmal gesehen haben. Bist du eigentlich blond?
Beckmann
6
Liebe Vera
Wie ist es dir ergangen, seit wir uns getrennt haben? Ich habe einen alten Brief gefunden, von dir, doch er war unverständlich. Ich konnte den Worten keinen Sinn mehr entnehmen, aber sie über auf mich immer noch eine Magie, eine Faszination aus. Ich würde dich gerne einmal wiedersehen, nur so, um über alte Zeiten zu reden.
Ich bin wieder in das alte Verhaltensmuster zurückgefallen und töte die Mädchen, mit denen ich schlafe meistens - danach. Meine Sammlung ist jetzt einiges größer geworden, willst du sie nicht wieder einmal sehen? Früher fandest du sie immer so toll.
Hast du zur Zeit einen Freund? Ich würde ihn gerne mal kennenlernen. Bring ihn doch mal mit.
Ich vermisse unsere Zeit
Beckmann
7
Liebe Vera
Abends, nachdem ich aufgestanden bin, steige ich immer in die Kanalisation hinab und jage Ratten durch die Rohre, die wie verrückt quieken. Wenn ich eine erwischt habe, beiße ich ihr immer den Kopf ab. Ich esse ihn nicht. Das erinnert mich an dich.
Ich hoffe, es geht dir gut
Beckmann
8
Liebe Vera
Ich denke in letzter Zeit immer seltener an dich, das macht mich traurig, aber wir haben uns so lange nicht mehr gesehen. Ich war auch lange nicht mehr zu hause, suche nach neuem, unerlebtem.
Seit einiger Zeit versuche ich, mich täglich umzubringen. Es hat noch nicht geklappt, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Vielleicht schaffe ich es ja doch noch, vielleicht ist dies mein letzter Brief an dich. Du sollst aber wissen, daß ich dich immer geliebt habe. Ich wünsche dir noch ein schönes Leben.
Ich vermisse dich
Beckmann
9
Liebe Vera
Ich glaube, ich schaffe es doch nicht.
Bitte komm zurück
Beckmann
10
Liebe Vera
Sie haben mich erwischt, wie ich gerade einem toten Mädchen die Brüste abtrennte. Ich wollte wieder einmal etwas essen. Ich esse wenig.
Jetzt haben sie mich in ein Heim gesteckt, ich bekomme dreimal am Tag Nahrung, einmal warm. Der Kaffee ist schlecht und die Wärter schrecklich unsensibel. Es gibt keine Frauen, das wäre zu gefährlich. Der Typ, der mit mir im Zimmer ist, ein glatzköpfiger ausgemergelter Greis, hat seinen drei Töchtern tote Eulen in die Vagina gesteckt. Das amüsiert mich, ich habe ich gefragt, warum er sie nicht gegessen hat - Eulen und Töchter. Die anderen sprechen nicht viel, und schreiben können die meisten nicht mehr.
Hier versucht jeder, sich umzubringen, darum ist es mir jetzt zu langweilig geworden. Ich habe jetzt eine neue Herausforderung: Überleben. Ich merke, wie mich die Drogen verändern.
Trotzdem habe ich dich nie vergessen
Beckmann
11
Liebe Vera
gestern war ich bei unserem Psychologen. Er ist ein kleiner dicker Mitsechziger mit schrecklich weißer Haut und feuchten Händen. Ständig kaut er auf irgendwas herum. Ich habe ihm das gesagt und er hat mir einen Spielgel vorgehalten. Ich sah ihm sehr ähnlich. Er sagte mir, daß ich im Schlaf von dir gesprochen hätte, und daß ich nur gesund werden kann, wenn ich dich vergesse. Ich habe doch noch nie im Schlaf gesprochen. Ich habe ihm gesagt, daß du der einzige Grund bist, warum ich überhaupt hier raus will. Er meinte, du bist nur Einbildung. Ich wußte gar nicht, daß ich so schöne Phantasien habe.
Das erheitert mich
Dein
Beckmann
12
Liebe Vera
ich weiß, es ist noch nicht lange her, daß ich dir geschrieben habe, doch ich muß dir sagen, daß sie meine Post kontrollieren, denn sie haben mit mir über meinen letzten Brief an dich gesprochen. Ich schreibe dir jetzt also nicht mehr, und versuche, dich zu vergessen, ich möchte hier heraus. Ich werde diese Briefe vermissen.
Ich liebe dich
Beckmann
13
Liebe Vera
Es ist lange her, daß ich geschrieben habe, aber ich weiß nicht, wie lange, dazu müßte ich wissen, wie lange ich in diesem Heim war. Sie haben mich jetzt entlassen und mir gesagt, daß ich jetzt gesund sei. Sie haben mir nie gesagt, was eigentlich meine Krankheit war, und als ich den Arzt das fragte, sagte er nur:
A: War ich krank? Bin ich genesen?
Und wer ist mein Arzt gewesen?
Wie vergaß ich alles das?
B: Erst jetzt weiß ich dich genesen,
Denn gesund ist, wer vergaß.
Er sagte, das sein von Nietzsche, ich sagte, daß sein Scheiße, er lachte und sagte, viel Glück im neuen Leben.
Ich möchte dich jetzt endlich wiedersehen, ich habe so lange gewartet. Leider sind meine Geier inzwischen gestorben, aber wir könnten uns ja unter den Trauerweiden bei dem kleinen See treffen, wo unsere Kinder ertrunken sind. Auch dort war ich lange nicht mehr.
Meine Liebe ist ungebrochen
Dein
Beckmann
14
Liebe Vera
Ich glaube, du hast mich vergessen, ich verstehe das nicht.
Machs gut, vielleicht schaffe ich es auch alleine.
Beckmann
15
Liebe Vera
Ich muß mich wohl daran gewöhnen, von dir keine Antworten mehr zu erhalten, aber ich schreibe dir trotzdem. Es ist nicht leicht, im neuen Leben Fuß zu fassen, und ich brauche diese Aussprachen einfach. Es hilft mir, meine Gedanken zu ordnen und zu verarbeiten, was ich tue. Ich habe mir einen Bungalow am Stadtrand gemietet und halte mir ein Rudel Wölfe in einem Zwinger, der den gesamten Garten einnimmt. Ab und an finde ich ein spielendes Kind und werfe es hinein, und dann setze ich mich an mein Fenster, zünde mir eine Pfeife an und schaue zu. Meistens dauert es nicht lange, denn sonst bekommen sie nichts zu essen. Manchmal zerfleischen sie sich auch gegenseitig - im Kampf um das Futter. Nachts kann ich wegen dem Bellen nicht schlafen. Nachbarn habe ich keine.
Das nächste Kind werde ich dir widmen
Dein
Beckmann
16
Liebe Vera
Neulich kam ein alter Mann vorbei und frage mich, ob ich nachts auch immer den Mond anschaue. Er sagte mir, daß im Mond die Zukunft geschrieben steht und man nur hinaufblicken muß - die ganze Nacht - und man kann sie lesen. Ich erstach ihn und warf ihn in den Zwinger. Die Wölfe rührten ihn nicht an. In der Nach schaute ich dann zum Mond und sah sein Gesicht. Ist das die Zukunft?
Dein
Beckmann
p.s.: Der Alte sah genauso aus wie der, der bei mir im Zimmer war, damals.
17
Liebe Vera
Es ist traurig, aber mein Augenlicht wird immer schlechter. Ich habe erst gestern wieder ein Päckchen Nudelsuppe mit einem Päckchen Reis verwechselt. Die Suppe war ungenießbar, doch ich brauche nicht viel zu essen. Ich muß in den letzten drei Wochen ungefähr 8 Kilo abgenommen haben, doch noch bin ich kräftig genug, um die drei Treppen zu meiner Wohnung hinaufzusteigen. Du kennst doch meine Wohnung? Diese netten drei Zimmer in der Altstadt, deren Fenster auf eine Einkaufsstraße zeigen. Früher saß ich da immer und blickte den jungen Pärchen nach, die zwischen Fast-Food-Lockalen, Schmuckgeschäften und Mode Boutiquen hin und her gingen, die Arme ineinander gehakt, ihr grünen Augen glitzernd von den goldenen Ohrringen in der Auslage, sein ständig besorgter Griff zum Portemonnaie, und seine vom Zigarettenrauch schon leicht gelblichen Zähne, die sie glücklich anlächelten, wenn sie an ihm auf und ab hüpfte, weil sie eine wunderschöne Brosche entdeckt hatte. Mit meinen Zähnen kann schon lange keiner mehr mithalten. Die drei Päckchen Filterlose, die ich am Tag rauche, werden mir von der Tochter des Zigarettenhändlers um die Ecke jeden Tag in die Wohnung gebracht, doch sie läutet nur, die kleine zehnjährige, und gibt sie mir an der Tür. Sie kommt nie herein. Schade.
Du solltest sie dir mal anschauen.
Beckmann
18
Liebe Vera
Meine Augen müssen ein bißchen besser geworden sein, denn ich kann mich ab und zu Morgens im Spiegel erkennen. Das, was ich sehe, erinnert mich immer mehr an den alten Mann, der damals in unserer Straße lebte, als ich noch jung war. Der, der nachts immer mit seiner Flinte rausging, um auf nächtlich herumlungernde Juden zu schießen. Ab und zu traf er auch welche. Er tat das so lange, bis die Juden ihn dann in seiner Wohnung aufhängten.
Sie liesen ihn hängen und niemand vermißte ihn. Nur ich habe jeden Tag zu ihm reingeschaut und beobachtet, wie die Verwesung langsam voranschritt. Ich sehe jetzt ungefähr so aus, wie er, nachdem er drei Wochen lang hing.
Schreib mir, dann schick ich dir ein Photo
Beckmann
19
Liebe Vera
Ich kann zwar nicht mehr viel erkennen, doch ich bin jetzt wieder dazu übergegangen, am Fenster zu sitzen und in die Straße hinunter zu blicken. Wie durch ein Wunder kann ich ausgezeichnet hören, und so lausche ich den Klängen des Lebens: Lachen und Schreien. Ich verhalte mich so wie so den ganzen Tag leise, damit ich höre, wenn eine meiner Mausefallen zuschnappt. Diese Mäuse sind eigentlich das einzige, was ich esse, denn mein Geld geht für Schnaps und Zigaretten drauf. Sie sind wohlgenährt, und so bin ich es auch. Wenn es zuschnappt, denn muß ich immer an allen Plätzen nachschauen, denn ich sehe jetzt wieder so schlechte, daß ich nur fühlen kann, ob eine Maus in der Falle ist. Ich hab mir dabei schon oft die Finger eingezwickt, aber das ist nicht so schlimm.
Komm doch mal vorbei
Beckmann
20
Liebe Vera
Seit gestern beobachte ich Nebelschwaben, die aus meinen Abflüssen in der Toilette und der Küche kriechen. Anfangs habe ich sie nicht beachtet, doch jetzt habe ich Angst, die Fenster zu öffnen, denn es hat sich mittlerweile so viel Nebel angesammelt, daß Passanten wohl die Feuerwehr rufen würden, wenn sie ihn aus meinen Fenstern quillen sehen würden. So viel macht es mir aber auch nicht aus, denn ich sehe ja sowieso nicht so gut, und riechen tut er nicht.
Neulich gab es einen Stromausfall und meine Küchenuhr, die mit den roten Leuchtziffern, die einzige, die ich habe, ist ausgefallen, und ich kann sie nicht mehr stellen, jetzt weiß ich überhaupt nicht mehr, wie spät es ist.
Na ja, was ist schon die Zeit, wenn man auf dich wartet?
Beckmann
21
Liebe Vera
Heute ist mir eingefallen, daß es ja sein könnte, daß du mir geschrieben hast und der Brief schon lange in meinem Briefkasten liegt, also bin ich hinuntergegangen und habe nachgeschaut, doch es war keiner da. Das hat mich traurig gemacht. Weil ich schon mal unten war, bin ich gegenüber in ein Café gegangen. Ich habe eine Espresso getrunken, hab fast vergessen, wie so etwas schmeckt. Bei dem Sonnenlicht konnte ich auch wieder etwas besser sehen. Ich denke, daß ich meine Wohnung jetzt doch einmal durchlüften werde, vielleicht finde ich meine Fallen leichter. Die Bedienung hat mich an mein Bild von dir in meiner Erinnerung erinnert. Eine zarte Frau von unschuldiger Schönheit aber mit einem sündhaften Lächeln. Ich wüßte gerne, wie du wirklich aussiehst, oder zumindest, wie du damals ausgesehen hast.
Ich liebe Dich
Beckmann
22
Liebe Vera
Ich habe mein altes Röhrenradio wieder hervorgeholt und war erfreut, zu bemerken, daß es noch funktioniert. Du kannst dich doch sicherlich noch an diese Geräte erinnern, wenn man sie einschaltet, dann dauert er ersteinmal fünf Minuten, bis sie warm geworden sind, und dann kommt Musik. Ich habe einen Klassiksender gefunden, und auch einen mit moderner Musik, doch meistens stelle ich einen Sender ein, der fast nur Worte bringt. Ich habe ja nicht all zu oft Gelegenheit, Menschen beim Sprechen zuzuhören. Jetzt sitze ich oft Stundenlang vor diesem leicht leuchtenden Apparat und blicke in die Ferne hinter meiner schmutzig-grauen Wohnzimmerwand. Was die Stimmen sagen, verstehe ich nicht, doch es ist angenehm, einfach nur den Klang zu hören. Wenn ich dann zu Bett gehe, meistens graut schon der Morgen, denn schwirren mir Erinnerungen an Worte, die ich einst gekannt habe, im Kopf herum und das im Radio gehörte gewinnt an Bedeutung, doch meist wache ich dann schweißgebadet auf, habe nur kurz geschlafen, vielleicht eine Stunde, und habe sofort alles wieder vergessen. Doch der trocken-ascherne Nachgeschmack auf der Zunge bleibt, und das Wissen, daß es etwas gab, was ich wußte, und das es nicht mehr gibt. Dann setze ich mich wieder vor meine schmutzig-graue Wohnzimmerwand und schalte das Radio ein.
Kannst Du Dich an etwas erinnern?
Beckmann
23
Liebe Vera
Ich merke langsam, daß es mit mir zu Ende geht, ich werde nicht schwächer, doch meine Zeit ist nah, daran besteht kein Zweifel. Ich bin nur froh, daß ich hier auf meinen Tod warten kann, nicht in irgendeiner Anstalt, in der man nicht einmal in Frieden sterben darf. Bitte, liebe Vera, tu mir zum Abschied noch einen Gefallen: Wo auch immer ich begraben werde, geh niemals an mein Grab. Nachdem ich jetzt so lange nichts von dir gehört habe, möchte ich auch nach meinem Tod dich so in Erinnerung behalten, wie du warst, einst, an einem Sommerabend in Rom.
28.03.2009
Dann ging alles so schnell
"Er will nicht atmen! Mein Junge will nicht atmen!", schrie er. Kamals lebloser Körper lag im Schhoß seines Vaters. Seine geöffnete, schlaffe rechte Hand hüpfte im Rhytmus der Schluzer seines Vaters auf und ab. "Mein Junge! Er will nicht atmen! Warum hilft ihm Allah nicht, zu atmen?"
Baba kniete sich neben ihn und legte einen Arm um seine Schulter. Aber Kamals Vater schubste ihn weg, kam auf die Beine und stürzte sich auf Karim, der mit seinem Cousin in der Nähe stand. Dann ging alles so schnell, so überstürtzt, dass man es kaum als Handgemenge bezeichnen konnte. Karim stieß einen überraschten Schrei aus und taumelte zurück. Ich sah einen Arm, der ausholte, ein bein, das trat. Einen Moment später stand Kamals Vater mit Karims Pistole in der Hand da.
"Nicht schießen!", schrie Karim.
"Aber bevor irgendjemand etwas sagen konnte, steckte sich Kamals Vater den Lauf der Waffe in den eigenen Mund. Ich werde niemals das Echo des Schusses vergessen. Und das helle Aufblitzen und das umherspritzende Rot.
Ich krümmte mich und übergab mich am Straßendrand
"Drachenläufer" von Khaled Hosseini
Baba kniete sich neben ihn und legte einen Arm um seine Schulter. Aber Kamals Vater schubste ihn weg, kam auf die Beine und stürzte sich auf Karim, der mit seinem Cousin in der Nähe stand. Dann ging alles so schnell, so überstürtzt, dass man es kaum als Handgemenge bezeichnen konnte. Karim stieß einen überraschten Schrei aus und taumelte zurück. Ich sah einen Arm, der ausholte, ein bein, das trat. Einen Moment später stand Kamals Vater mit Karims Pistole in der Hand da.
"Nicht schießen!", schrie Karim.
"Aber bevor irgendjemand etwas sagen konnte, steckte sich Kamals Vater den Lauf der Waffe in den eigenen Mund. Ich werde niemals das Echo des Schusses vergessen. Und das helle Aufblitzen und das umherspritzende Rot.
Ich krümmte mich und übergab mich am Straßendrand
"Drachenläufer" von Khaled Hosseini
01.03.2009
einfach nur heißen Tee
Als ich aufwachte, weinte sie still vor sich hin. Ihre schmalen Schultern zitterten unter der Decke. Ich zündete den Ofen an und sah auf die Uhr. Zwei Uhr früh. Mitten im Himmel hing ein volkommen weißer Mond.Ich wartete, bis sie aufgehört hatte zu weinen, kochte Wasser und goss uns eine Tasse Beuteltee auf. Ohne Zucker, ohne Zitrone, ohne Milch, einfach nur heißen Tee. Ich zündete zwei Zigaretten an und gab ihr eine. Sie inhalierte tief und stieß den Rauch aus. Nach drei solchen Zügen musste sie husten.
"Hast du schon mal den Wunsch gehabt, mich umzubringen?", fragte sie.
"Dich?"
"Ja."
"Wieso fragst du?"
Sie rieb sich mit den Fingerspitzen die Augen, die Zigarette noch im Mund.
"Nur so."
"Nein, hab ich nicht.", sagte ich.
"Wirklich nicht?"
"Wirklich nicht. Warum sollte ich dich unbedingt umbringen wollen?"
"Auch wieder wahr", musste sie zugeben. "Ich dachte nur, wäre nicht schlecht, wenn mich jemand umbrächte. Wenn ich grad fest schlafe oder so."
"Ich bin doch nicht der Typ, der Leute umbringt!"
"Nicht?"
"Ich glaube nicht."
Sie lachte, drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus, trank in einem Zug den restlichen Tee und zündete sich eine neue Zigarette an.
"Ich lebe bis fünfundzwanzig", sagte sie. "Dann sterbe ich."
Sie starb im Juli 1978 mit sechsundzwanzig.
"Wilde Schafsjagd" von Haruki Murakami
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