13.09.2009

zum ficken

gerne und gut ficken bedeutet nicht, dass ich es so oft wie möglich will. ich will nur den, der gut riecht. ich will nur den, der auch gut aussieht. ich will nur den, der vor und nach dem sex eine astreine grammatik sein eigen nennt, und während des akts mehr als zwei techniken und mehr als zwei zentimeter. ich will - vorzugsweise - den, der mich liebt, oder aber den, der mich wenigstens achtet und das auch beim sex zum ausdruck bringt.

ich will niemanden ficken, weil es sich gerade anbietet. ich ficke keine gelegenheiten. das habe ich mit 16 getan, als mir das ficken noch wichtiger war als derjenige, mit dem ich fickte und ficken eine schöne art der selbstinszenierung war: wie geil/versaut/verrucht/tabulos/sinnlich bin ich? um sich hinterher dann auf die eigene flanke zu klopfen, um zu sagen: gott, war ich geil.

erschreckend, dass es aber viele leute gibt, die genau das machen. ficken um zu ficken. ficken für die niedere selbstachtung und die unfähigkeit, den anderen zu achten.

c17h19no3

Kind und Buch

»Komm her einmal, du liebes Buch;
Sie sagen immer, du bist so klug.
Mein Vater und Mutter, die wollen gerne,
Daß ich was Gutes von dir lerne;
Drum will ich dich halten an mein Ohr;
Nun sag mir all' deine Sachen vor.

Was ist denn das für ein Eigensinn,
Und siehst du nicht, daß ich eilig bin?
Möchte gern spielen und springen herum,
Und du bleibst immer so stumm und dumm?
Geh, garstiges Buch, du ärgerst mich,
Dort in die Ecke werf' ich dich.«

Wilhelm Hey
Johann Wilhelm Hey (* 26. März 1789 in Leina; † 19. Mai 1854 in Ichtershausen) war ein Pfarrer und Fabeldichter. Berühmt wurde er als Fabeldichter dank seiner im Jahre 1833 anonym erschienenen Fünfzig Fabeln für Kinder und Noch fünfzig Fabeln für Kinder (1837), mit schönen Illustrationen von Otto Speckter.

22.08.2009

Dann Stille.

Möbius Schwester Monika! Gehen Sie!
Schwester Monika bleibt sitzen Ich bleibe.
Möbius Ich will Sie nie mehr sehen.
Schwester Monika Sie haben mich nötig. Sie haben sonst niemand auf der Welt. Keinen Menschen.
Möbius Es ist tödlich, an den König Salomo zu glauben.
Schwester Monika Ich liebe Sie.
[...]
Möbius Schwester Monika. Sie haben mir Ihren Glauben und Ihre Liebe gestanden. Sie zwingen mich, Ihnen nun auch die Wahrheit zu sagen. Ich liebe Sie ebenfalls, Monika.
[..]
Schwester Monika Du bist frei
Möbius Frei?
Schwester Monika Wir dürfen heiraten
Möbius Mein Gott
Schwester Monika Johann Wilhelm! Ich habe den Posten einer Gemeindeschwester in Blumenstein angenommen. Ich habe gespart. Wir brauchen uns nicht zu sorgen. Wir brauchen uns nur liebzuhaben.
[...]
Schwester Monika Du hast Tränen in den Augen.
Möbius Du auch.
Schwester Monika Vor Glück.

Er reißt den Vorhang herunter und über sie. Kurzer Kampf. Die Silhouetten sind nicht mehr sichtbar. Dann Stille. [...]

Newton Was ist geschehen?
Möbius geht in sein Zimmer Ich habe Schwester Monika Stettler erdrosselt.

"Die Physiker" - Dürrenmatt

20.08.2009

Wem gelingt es? - Trübe Frage


Ach! zum Erdenglück geboren,
Hoher Ahnen, großer Kraft,
Leider! früh dir selbst verloren,
Jugendblüte weggerafft.
Scharfer Blick die Welt zu schauen,
Mitsinn jedem Herzensdrang,
Liebesglut der besten Frauen
Und ein eigenster Gesang.

Doch du ranntest unaufhaltsam
Frei ins willenlosse Netz,
So Entzweitest du gewaltsam
Dich mit Sitte, mit Gesetz;
Doch zuletzt das höchste Sinnen
Gab dem reinen Mut Gewicht,
Wolltest Herrliches gewinnen,
Aber es gelang dir nicht.

Wem gelingt es? - Trübe Frage,
Der das Schicksal sich vermummt,
Wenn am unglückseligsten Tage
Blutend alles Volk verstummt.
Dich erfrischet neue Lieder,
Steht nicht länger tief gebeugt;
Denn der Boden zeugt sie wieder,
Wie von je er sie gezeugt.

“Faust - Der Tragödie Zweiter Teil” von Johann Wolfgang Goethe

12.08.2009

des fließenden Blutes

Das wichtigste bei SM-Praktiken ist das gegensitige Vertrauen zwischen beiden Parteien, denn das sollte die Grundbasis für jede Inszenierung, jedes Spiel, jeder Praktik sein. [...]

Unterschiedliche Schlaginstrumente erzeugen unterschiedliche Schmerzqualitäten, sowohl im unmittelbaren Gefühl, als auch im Schmerznachhall und natürlich auch abhängig von der Schlagwucht. Kräftige Schläge mit der Hand lassen die getroffene Stelle langhaltend brennen; Schläge mit einer dünnen Glasfibergerte machen einen schneidenen Schmerz, der erst nach einer Sekunde so richtig deutlich wird; [...]

Der Schmerz eines Schnittes ist im Normalfall weniger groß als ein Hautkratzer mit einem Fingernagel, durch den die Haut gerissen wird. Wenn man mit sehr scharfen Messern so schneidet, daß der andere es kaum spürt, wird eine direkte Rückmeldung fats unmöglich. Doch für die meisten geht es hier nicht so sehr um den Schmerz, sondern mehr um den Kick der Hautverletzung und des fließenden Blutes. Die Wunde kann durch Tätowiertinte, Essig, Rotwein oder Pflanzenasche (keine Zigarettenasche) dauerhaft sichtbar gemacht werden, aber auch das sollte natürlich nur nach genauer vorheriger Absprache passieren. Um ein genaues Gefühl für die Tiefe des Schnittes zu haben, ist Erfahrung nötig. Der Schneidewiderstand der Haut ist von Mensch zu Mensch und je nach Körperpartie unterschiedlich. [..]

Das SM-Handbuch - Matthias T.J.Grimme

14.07.2009

Doch musst du untergehen

"Auch das ist gut, sehr gut", sagte er, "hören Sie einmal den Satz:
Man soll stolz auf den Schmerz sein - jeder Schmerz ist eine Erinnerung unsres hohen Ranges. Fein!
Achtzig Jahre vor Nietzsche! Aber das ist nicht der Spruch, den ich meinte - warten Sie - da habe ich ihn. Also:
Die meisten Menschen wollen nicht eher schwimmen, als bis sie es können.

Ist das nicht witzig? Natürlich wollen sie nicht schwimmen! Sie sind ja für den Boden geboren, nicht fürs Wasser. Und natürlich wollen sie nicht denken; sie sind ja fürs Leben geboren, nicht fürs Denken! Ja, und wer denkt, wer das Denken zur Hauptsache macht, der kann es darin zwar weit bringen, aber er hat doch eben den Boden mit dem Wasser vertauscht, und einmal wird er ersaufen.[...]

"Du hattest ein Bild vom Leben in dir, einen Glauben, eine Forderung, du warst zu Taten, Leiden und Opfern bereit - und dann merktest du allmählich, dass die Welt gar keine Taten und Opfer und dergleichen von dir verlangt, dass das Leben keine heroische Dichtung ist, mit Heldenrollen und dergleichen, sondern eine bürgerliche gute Stube, wo man mit Essen und Trinken, Kaffee und Strickstrumpf, Tarockspiel und Radiomusik vollkommen zufrieden ist. Und wer das andere will und in sich hat, das Heldenhafte und Schöne, die Verehrung der großen Dichter oder die Verehrung der Heiligen, der ist ein Narr und ein Ritter Don Quichotte. Gut. Und mir ist es ebenso gegangen, mein Freund! Ich war ein Mädchen von guten Gaben und dafür bestimmt, nach einem hohen Vorbild zu leben, hohe Forderungen an mich zu stellen, würdige Aufgaben zu erfüllen. Ich konnte ein großes Los auf mich nehmen, die Frau eines Königs sein, die Geliebte eines Revolutionärs, die Schwester eines Genies, die Mutter eines Märtyers. [...] Aber es half nichts.[..]
Glaubst du, ich könne deine Angst vor dem Foxtrott, deinen Widerwillen gegen die Bars und Tanzdielen, dein Sichsträuben gegen Jazzmusik und all den Kram nicht verstehen? Allzu gut verstehe ich sie, und ebenso deinen Abscheu vor der Politik, deine Trauer über das Geschwätz und verantwortungslose Getue der Parteien, der Presse, deine Verzweiflung über den Krieg, über den gewesenen und über die kommenden, über die Art wie man heute denkt, liest, baut, Musik macht, Feste feiert, Bildung betreibt! Recht hast du, Steppenwolf, tausendmal recht und doch musst du untergehen. Du bist für diese einfache, bequeme, mit so wenigem zufriedene Welt von heute viel zu anspruchsvoll und hungrig, sie speit dich aus, du hast für sie eine Dimension zu viel. Wer heute leben und seines Lebens froh werden will, der darf kein Mensch sein wie du und ich. Wer statt Gedudel Musik, statt Vergnügen Freude, statt Geld Seele, statt Betrieb echte Arbeit, statt Spielerei echte Leidenschaft verlangt, für den ist diese hübsche Welt hier keine Heimat ..."
Sie blickte zu Boden und sann.

Der Steppenwolf - Hermann Hesse

04.07.2009

Kopf ab!

Schon schaute sie sich nach einem Fluchtweg um und erwog ihre Aussichten, unbemerkt zu entkommen, als sie auf eine merkwürdie Erscheinung in der Luft aufmerksam wurde. Zuerst konnte sie sich gar keinen Vers darauf machen, doch nachdem sie sie eine Weile beobachtet hatte, wurde darin ein Grinsen sichtbar. »Die Edamer Katze! Nun bekomme ich doch wenigstens Gesellschaft.«
Die Königin lächelte und ging weiter.
»Mit wem sprichst du da eigentlich?« fragte der König, indem er an Alice herantrat und den nur noch sichtbaren Katzekopf mit großer Neugier betrachtete.
»Das ist eine Freundin von mir - eine Edamer Katze« sagte Alice; »erlauben Eure Majestät, daß ich sie Ihnen vorstelle.«
»Sie will mir gar nicht gefallen.« sagte der König; »aber wenn sie will, darf sie mir jedoch die Hand küssen.«
»Nein, danke.« bemerkte der Kater.
»Sei nicht so unverschämt« sagte der König, »und sieh mich nicht so furchtlos an!« Er stellte sich hinter Alice, als er dies sagte.
»Eine Katze braucht den König nicht zu fürchten,« sagte Alice, »das habe ich irgendwo gelesen, aber wo, weiß ich nicht mehr.«
»Nun, jedenfalls muß sie entfernt werden,« sagte der König sehr entschieden, und rief der Königin zu, die gerade vorbeiging: »Meine Liebe! Ich wünschte, du könntest mir diese Katze hier entfernen lassen!«
Die Königin kannte nur eine Art, alle Schwierigkeiten, große und kleine, zu beseitigen. »Kopf ab!« sagte sie, ohne sich einmal umzusehen.
»Ich werde den Henker selbst holen,« sagte der König eifrig und eilte fort.[...]

Als Alice zur Edamer-Kater zurück kam, war sie sehr erstaunt, einen großen Auflauf um ihn versammelt zu sehen: es fand ein großer Wortwechsel statt zwischen dem Henker, dem König und der Königin, welche alle drei zugleich sprachen, während die Übrigen ganz still waren und sehr ängstlich aussahen.
Sobald Alice erschien, wurde sie von allen dreien aufgefordert, den Streit zu schlichten, und sie wiederholten ihr ihre Beweisgründe, obgleich, da alle zugleich sprachen, man kaum verstehen konnte, was jeder Einzelne sagte.
Der Henker behauptete, daß man keinen Kopf abschneiden könne, wo kein Körper sei, von dem man ihn abschneiden könne; daß er so etwas noch nie gethan habe, und ,dass er nicht im Traum daran denke, in seinen Jahren mit dergleichen anzufangen.
Der König behauptete, dass Alles, was einen Kopf habe, geköpft werden könne, und dass man nicht so viel Unsinn schwatzen solle.
Die Königin behauptete, dass wenn nicht in weniger als keiner Frist etwas geschehe, sie die ganze Gesellschaft würde köpfen lassen. (Diese letztere Bemerkung hatte der Versammlung ein so ernstes und ängstliches Aussehen gegeben.)
Alice wußte nichts Besseres zu sagen als: »Die Edamer Katze gehört der Herzogin, es wäre am besten sie zu fragen.«
»Sie ist im Gefängnis,« sagte die Königin zum Henker, »man hole sie her.« Und der Henker lief davon wie ein Pfeil.
Da wurde der Kopf des Katers undeutlicher und undeutlicher; und gerade in dem Augenblick, als der Henker mit der Herzogin zurück kam, verschwand er gänzlich; der König und der Henker liefen ganz wild umher, ihn zu suchen, während die übrige Gesellschaft zum Spiele zurückging.

Alice im Wunderland - Lewis Carroll

28.06.2009

Langeweile?

Die gesellschaftliche Funktion der Fähigkeit, allein zu sein, soll durch ein Bild illustriert werden, das die Kulturgeschichte des Abendlandes nachhaltig geprägt hat: Es ist Melencolica 1 von Albrecht Dürer. Zahllose Gerätschaften liegen, wie achtlos fallengelassen, auf dem Boden. Es sind Werkzeuge der instrumentellen Vernunft, die dazu dienen, eine Welt "more gemometrico" zu bauen, die der menschlichen Kontrolle unterliegt. Zwischen ihnen sitzt die geflügete Figur, ein Baumeister, der sein Bauen unterbrochen hat. [..] Das Bild zeigt die geflügete Figur in einer Entscheidungssituation:

Sie besinnt sich, denkt nach. Nicht außer sich, sondern bei sich. Ohne Depression, aber in einer melancholischen Haltung, aus der sie heraus ihren Ehrgeiz besänftigt: mit ihrem Turm nicht immer höher hinauszuwollen, sondern sich mit einem nicht perfektem Werk und damit auch mit den Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit zu bescheiden. [...]

Für manche mag das wie Langeweile erscheinen: "Wer sich völlig gegen Lageweile verschanzt, verschanzt sich auch gegen sich selbst. Den kräftigsten Lebenstrunk aus dem eigenen innersten Born wird er nie zu trinken bekommen.", schrieb Friedrich Nietzsche. Damit deutete er die positive Funktion der Langeweile an: Sie kann Menschen mit ihren - wenn auch unterschiedlich ausgeprägten - Interessen wieder in Verbindung bringen. So verstanden, ist die Langeweile ein Durchgangsgefühl, eine Inkubationszeit - obwohl sie sich manchmal anfühlt, als würde sie nie vergehen.

Und wie kann eine innere Aktivierung glücken? "Durch Leere" sagt die Psychologin Ulrike Zöllner, die an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Zürich lehrt. "Nichts planen, nichts suchen oder wollen, nichts hoffen oder wünschen, nichts fürchten oder vermeiden - dann kristallisieren sich Interessen und Haltungen heraus. Sie entwickeln sich aus Gednaken, Gefühlen und Fantasien, die nicht forciert werden."

"Psychologie Heute" -  März 2009

26.06.2009

Jetzt ruiniere ich es.

Ich weiß, ich sollte alles erzählen. Rosalies Gang durchs Vorzimmer in jenem Raum, in dem gestorben wird. [...] Ich sollte anschaulich machen , wie Rosalie sich setzt und den Kopf auf die Hände stützt, wie ein Blick zum Fenster ihr zum letzten Mal die Nebelferne des Himmels zeigt, wie ihre Angst der Ermattung weicht, wie sie - hier, bitte, und hier, und dann noch hier, gnädie Frau - Formulare unterschreibt, und wie schließlich das Glas mit Gift vor sie hingestellt wird. Ich sollte erzählen, wie sie es zum Mund führt, [...]
Ja, das hätte eine gute Geschichte werden können, ein wenig sentimental zwar, aber die Melancholie ausbalanciert durch Humor, das Brutale in der Schwebe gehalten mit etwas Philosophie. Ich hatte alles durchdacht. Und Jetzt?

Jetzt ruiniere ich es. Ich [der Autor] reiße den Vorhang weg, werde sichtbar, erscheine vor der Lifttür. [...] Rosalie, du bist gesund. Und wenn wir schon dabei sind, sei auch wieder jung. Fang von vorne an! Bevor sie noch antworten kann, bin ich wieder verschwunden, und sie steht im Lift, der nach unten fährt, und kann nich begreifen, dass ihr aus dem Spiegel eine zwanzigjährige Frau entgegenblickt. Etwas schiefe Zähne, Die haare dünn und der Hals zu schmal, eine Schönheit war sie nie, aber das kann ich ihr nicht auch noch schenken. Andererseits - warum nicht! Jetzt spielt das schon keine Rolle mehr.
Danke
Ach, sage ich erschöpft, nicht zu früh.

[...] Und Rosalie? Sie geht die Straße entlang, mit großen Schritten, halb bewußtlos noch vor Freude, und mir scheint es für einen Moment, als hätte ich richtig gehandelt, als wäre Gnade das Höchste und als käme es auf eine Erzählung weniger nicht an. Und zugleich, ich kann es nicht leugnen, kommt mir die absurde Hoffnung, dass dereinst jemand dasselbe für mich tun wird. Denn wie Roaslie kann auch ich mir nicht vorstellen, dass ich nichts bin ohne die Aufmerksamkeit eines anderen, ja dass meine bloße halbwahre Existenz endet, sobald dieser andere den Blick von mir nimmt - so wie eben jetzt, da ich diese Geschichte endgültig verlasse, Roaslies Dasein erlischt. Von einem Moment zum nächsten. Ohne Todeskampf, Schmerz oder Übergang. Eben noch ein seltsam angezogenes Mädchen, wirr vor Staunen, jetzt nur mehr eine Kräuselung in der Luft, ein noch Sekunden sich haltender Ton, eine verbalssende Erinnerung in meinem Gedächtnis und in Ihrem, während Sie diesen Absatz lesen.

Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten - Daniel Kehlmann