09.04.2012

wie am ersten Tag

Leonid nahm seine schwarze Lederbrieftasche und zog aus einem Fach ein vergilbtes Stück Papier, das an den Ecken ausgefranst, zerknittert, fleckig, eingerissen, mit Klebeband repariert war und reichte es mir. Ich hatte Mühe, es zu entziffern. Die wenigen Zeilen in roten, mit der Schreibmaschine getippten Buchstaben verschwammen:
Ich, Leonid Michailowitsch Kriwoschejin, gebe mein Wort, Milene Reynolds nie wiederzusehen, nie wieder Kontakt zu ihr aufzunehmen und ihren Willen bis zum Ende meiner Tage zu respektieren. Ich gebe dieses feierliche Versprechen als Soldat und Inhaber von zwei goldenen Sternen als Held der Sowjetunion. Ausgefertigt zu Paris, Donnerstag, 25. Juni 1953

"[...]Hier glauben manche, ich bereue, wegen eines Abenteuers ohne Zukunft mein Leben ruiniert und meine Stellung verloren zu haben. Ich habe dir schon gesagt, daß ich nichts bereue. Was ich mit ihr 794 Tage lang erlebt habe, war so außergewöhnlich, daß ich für mein ganzes Leben davon erfüllt bin. Ohne zu zögern, würde ich es noch einmal genauso machen. In meinem Unglück bin ich nicht zu bedauern. Ich hatte das Glück Igor zu begegnen und ein paar Freunde zu gewinnen. Freunde behält man sein Leben lang. Wenn du eines Tages am Straßenrand einer Frau begegnest, die dir zuwinkt und dich um Hilfe bittet, bleib auf keinen Fall stehen. Radwechsel ist etwas für Pannenhelfer. Sie sind abgehärtet. Hätte ich mich an die guten alten marxistischen Grundsätze der Arbeitsteilung gehalten, dann säße ich heute nicht hier. Man stopft uns den Schädel mit sinnlosen Prinzipien wie Höflichkeit oder Galanterie voll und bringt uns nicht die Grundregel bei: Mißtrau allen Frauen, die lächeln, sie haben Hintergedanken. Wenn eine Frau nicht lächelt, ist sie natürlich. Wenn sie ins Wasser fällt und um Hilfe ruft, wirf ihr einen Rettungsring zu und geh deines Weges. Das sind elementare Ratschläge, die ein Vater seinem Sohn geben müßte, um ihn vor den Gefahren des Lebens zu schützen. Meiner hat mich nicht gewarnt."
"Etwas verstehe ich nicht, Leonid. Wie kann man eine Frau lieben und nicht darum kämpfen, bei ihr zu sein?"

"Ich habe mein Wort gegeben. Das ist mein Schicksal, meine Art, ihr treu zu sein. Du brauchst nicht geliebt zu werden, um selbst zu lieben. Seit neun Jahren erhält sie jedes Jahr am 5. April einen Mimosenstrauß. Einen anonymen Strauß. Sie weiß ,daß ich ihn schicke. Wenn sie wollte, könnte sie mich wiedersehen. Sie bräuchte nur zu dem Blumenhändler zu gehen, er würde ihr meine Adresse geben. Sie will es nicht. Ich halte mein Versprechen. Vielleicht ändert sie eines Tages ihre Meinung."
"Ihr seid jetzt seit zehn Jahren getrennt. Unmöglich, noch länger daran zu glauben."
"Ich hätte das Kapitel abgeschlossen. Du entscheidest nicht, ob du jemanden liebst oder vergißt. Es ist eine Idee, die dir nie aus dem Kopf geht. Tagsüber lebe ich mit ihr und nachts, wenn ich aufwache, denke ich an sie. Ich bin verliebt wie am ersten Tag. Du kannst einer Frau überdrüssig werden, eine andere wollen. Da ist nicht Liebe, sondern Begehren. Die wahre Liebe ist geistig. Sie spielt sich in deinem Kopf ab und es gibt Tage, an denen ich mir sage, es wäre besser gewesen, sie zu vergessen. Jacky, bring mir einen 102."
Ob wegen der Hunderte Schachpartien, von denen er sich jeden Zug eingeprägt hatte und die ihn zu einem gefürchteten Spieler machten oder wegen seines Abenteuers mit Milene, von dem jede Einzelheit lebendig blieb, Leonid wurde für sein außergewöhnliches Gedächtnis bewundert, aber eben diese Gedächtnis war sein Verhängnis. Es wäre besser gewesen, er wäre einer wie wir, würde sich höchstens an zwei oder drei Partien und nur an die lichten Momente seines Liebeslebens. Wir füchten immer, das Gedächtnis zu verlieren. Es ist die Quelle unserer Leiden. Gut leben wir nur im Vergessen. Das Gedächtnis ist der ärgste Feind des Glücks. Glückliche Menschen vergessen.

Der Club der Unverbesserlichen Optimisten - Jean-Michel Guenassia

13.03.2012

dein Ding


Zu Hause nahmen wir uns zwei Bier und setzten uns. Ich aufs Sofa, er in den Sessel. Ein paar Kommentare über die Leute, die wir auf der Piazza gesehen hatten, ein bisschen über diesen und jenen Seitensprung, über den sich inzwischen alle das Maul zerissen, dann versank er wieder in Schweigen. Er starrte die Bierflasche an und versuchte, mit dem Fingernagel das Etikett abzukratzen.

Ich fragte ihn, ob etwas nicht stimme. Erst antwortete er, alles sei in Ordnung, aber nach einem Moment der Stille brach es aus ihm heraus, als ob er einen Anfall hätte.
"Was ist unser Ding? Ich weiß immer noch nicht, was mein Ding ist. Ich habe das Gefühl, dass ich hier auf diesem dämlichen Planeten bin, um etwas Beteuendes zu tun, aber ich begreife einfach nicht, was... Weißt du, wie man herausfindet was das eigene Ding ist?... Ich habe das Gefühl als würde ich das Leben wegwerfen. Gestern war ich sechszehn... peng, und heute bin ich achtundzwanzig."
"Was für ein Ding denn?"
"Ach, komm schon... dein Ding, deine Bedeutung, dein Talent, die besondere Fähigkeit, die man ausleben soll. Die Sache, das Ding, das jeder hat und das uns von den anderen unterscheidet, die Ursache für meine Existenz, der Sinn des Lebens, was weiß ich denn..."
"Oh... was haben sie dir denn ins Bier getan? Kriegst du die Thirtysomething-Krise schon mit achtundzwanzig oder was?"
"Ach... ich weiß nicht. Ich hab's dir doch gesagt, ich spüre, dass ich was Richtiges tun muss, vielleicht nicht für die ganze Menschheit, aber für mich, etwas Außergewöhnliches für mein Leben, aber ich weiß einfach noch nicht, was. Ich weiß nur, dass ich es satthabe und dass ich in mir eine Energie verspüre, die rauswill. Aber ich schaffe es nicht, sie freizulassen, und das führt dazu, dass ich mich letztlich nur langweile, egal was ich tue."
Er nahm ein Schluck Bier, fuhr sich mit der Unter- über die Oberlippe wie ein Schnurrbartträger, dann brach es aus ihm heraus:"Schluss Schluss Schluss... ich bin es leid, es muss einen Notausgang aus dieser Art zu leben geben, wir haben mehr verdient, als auf der Piazza abzuhängen und zu saufen. Das geht schon viel zu lange so, wir dürfen nicht den Fehler machen, alles laufenzulassen und uns in einem normalen, vorgegebenen Leben zu verlieren. Ich will diese Energie nutzen, bevor sie verschwindet bevor sie nachlässt, erlischt und ich meinen Arsch nicht mehr hochkriege."

"Einfach losfahren" - Fabio Volo

27.02.2012

Chinesisch am Zoo

Während Zoe das Schloss öffnete und Quentin einen halben Schritt schräg vor mir stand, betrachtete ich Zoes Hintern - es hätte einer übermenschlichen Anstrengung bedurft, woanders hinzusehen. Meine Fettpolster mögen ja seit zehn Jahren ein höchst überflüssiges östrogenartiges Hormon produzieren, aber ein bisschen Testosteron kreist doch auch noch in meinem Blut und bestimmt bei Gelegenheit den Fokus meiner Aufmerksamkeit. Als sie sich, immer noch vor dem Rad kauernd, plötzlich umdrehte und mir ins Gesicht sah, glitt mein Blick zwar automatisch mit Überlichtgeschwindigkeit auf das Fahrrad, aber für das sexuelle Sensorium einer Frau ist Überlichtgeschwindigkeit nicht schnell genug. Natürlich hatte sie die Fokusverschiebung mitgekriegt.
"Also", sagte Quentin zu ihr. "Dann sehen wir uns heute Abend."
Sie nickte und ließ sich ein wenig geistesabwesend von ihm küssen. Der Junge musste ja eigentlich bis zum Platzen mit Testosteron angefüllt sein, aber man merkte davon wenig. Während ich noch überlegte, ob für mich nun Wangenkuss oder Händeschütteln angesagt sei, schwang sie sich aufs Rad, was die Seitenschlitze ihres Kleides einen Moment lang weit öffnete, blieb dann mit leicht gespreizten Beinen stehen und sagte zu mir, als sei ihr der Gedanke eben erst gekommen: "War das nur mein Eindruck oder sind in dem Zoo eigentlich nur Tiere, die man essen kann?"

"Der zweitbeste Koch" - Kurt Bracharz

16.02.2012

Danach

Es wird nach einem happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen-
da hat sie nun den Schentelmen.
Na,und denn-?

Denn jehn die beeden brav ins Bett
Naja.....diß is ja auch janz nett.
A manchmal möchte man doch jern wissen:
Wat tun se, wenn se sich nich kissen?
Die könn ja doch nich immer penn.....!
Na, und denn-?

Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kricht det junge Paar 'n Kind.
Denn kocht se Milch. Die Milch looft üba.
Denn macht er Krach.Denn weent sie drüba.
Denn wolln sich beede jänzlich trenn.....
Na, und denn-?

Denn is det Kind nich uffn Damm.
Denn bleihm die beeden doch zesamm.
Denn quäln se sich noch manche Jahre.
Er will noch wat mit blonde Haare:
vorn doof und hinten minorenn....
Na, und denn-?

Denn sind se alt.
Der Sohn haut ab.
Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit-
Ach, Menschenskind,wie liecht det weit!
Wie der noch scharf uff Muttern war,
det is schon beinah nich mehr wahr!
Der olle Mann denkt so zurück:
wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch und Langeweile.
Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

Kurt Tucholsky
Kurt Tucholsky (* 9. Januar 1890 in Berlin; † 21. Dezember 1935 in Göteborg) war ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel. Tucholsky zählte zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift Die Weltbühne erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich  war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor und Lyriker. Er verstand sich selbst als linker Demokrat, Pazifist und Antimilitarist und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten.

14.02.2012

dann ist sie...

"Also ich erklär euch das jetzt. Eine Frau will einen Mann nicht mit ihrem ganzen Körper. Nein. Sie will ihn vor allem an einer Stelle. Weißt du, was ich meine. Denise? Nein? Noch nicht? Bald wirst du's wissen. Eine Frau will einen Mann an einer ganz bestimmten Stelle, und die ist genau hier zwischen ihren Beinen."
Sie zeigte und drückte die Hand auf ihr Kleid, um es ihnen vorzuführen.
"Eine ganz kleine Stelle. Also, wenn man ihr diese Stelle wegnimmt, wisst ihr, was dann passiert? Man nimmt ihr die ganze Lust.
Wirklich. Sie ist für immer weg. Das klappt. In manchen Gegenden machen sie das immer so, das ist das Normalste von der Welt. Ich glaube, wenn ein Mädchen ein bestimmtes Alter erreicht. Damit sie nicht herumstreunt. Was weiß ich, in Afrika und Arabien und Neuginea, glaube ich. Für die gehört das zur Zivilisation.
Und da denke ich mir: Warum nicht auch bei uns? Wir nehmen ihr einfach diese kleine Stelle weg. Wir brennen sie ihr raus. Mit dem Eisen.
Und dann ist sie... volkommen."
Schweigend starrten alle Ruth an. Sie konnten nicht glauben, was sie gehört hatten.
Ich glaubte ihr.
Ich begann zu zittern wie in einem heftigen Dezemberwind. Weil ich es sehen konnte, ich roch es, ich hörte ihre Schreie. Mein Blick ging bis weit in Megs Zukunft, in meine Zukunft - ich die Konsequenzen einer solchen Tat. ...

Er trat zurück. Das Papier ging in hellen Flammen auf.
Sie wandte sich den anderen zu. "Wer will es machen?"
"Ich", antwortete Eddie.
Sie schaute ihn mit einem leisen Lächeln an. Es war genau der Blick, der vor nicht allzulanger Zeit nur mir vorbehalten war.
"Hol das Eisen."
Eddie holte es.
Sie hielten es in die Flammen. Es war ganz still.
Als sie meinte, dass es heiß genug war, zog er es heraus, und wir gingen alle zurück in den Bunker.

Darrüber werde ich euch nichts erzählen.
Ich weigere mich
Es gibt Dinge, die erzählt man nicht. Da stirbt man lieber.
Dinge, von denen man weiß, dass man besser gestorben wäre, statt sie zu erleben.
Diese Dinge habe ich erlebt.

"Evil" - Jack Ketchum

19.01.2012

"Ich stand nie vor seiner Tür. Das war nicht mein Stil"

Man hat die Geschichte von John und Yoko immer als die einer durchtriebenen, selbstherrlichen Frau dargestellt, die sich den berühmten Beatle bei ihrem ersten Treffen - oder vielleicht schon früher- als Beute wählte und ihn dann mit rücksichtslosem Einsatz verfolgte, bis sie ihr Ziel erreicht hatte. Dabei gibt es wohl kaum ein brühmtes Liebespaar, dass auf solchen Umwegen und mit so viel Bedenken auf beiden Seiten zueinanderfand wie dieses.

Yoko gesteht zwar ein, dass sie sich bei ihrem ersten Zusammentreffen von John angezogen fühlte, im Wesentlichen aufgrund ihres Hangs zu working class guys, der wohl Teil der Rebellion gegen ihr Elternhaus und ihre soziale Herkunft war. [...]

Nach ihrer Begegnung bei der Ausstellung Claes Oldenburg sandte sie John ein Exemplar von Grapefruit, ihrer Sammlung von instructional poems. Aber sie tat dies ohne Hintergedanken, wie sie betont: "Ich hatte ein paar Exemplare des Buches aus New York mitgebracht, da es in England noch nicht auf dem Markt war. Ich erwähnte es John gegenüber, als wir uns unterhielten und schickte ihm dann ein signiertes Exemplar, wie es jeder Autor in einer solchen Situation tun würde."


Grapefruit war für John die Bestätigung, dass diese Frau aus einer ihm völlig fremden Welt die gleiche Wellenlänge hatte wie er. Das schlichte kleine weiße Buch lag immer neben seinem Bett, und er stellte sein umfangreiches Leseprogramm dafür hintan; immer wieder kehrte er zu den einzelnen Strophen ohne Reimschema zurück - manchmal waren es auch nur einzelne Zeilen -, die zwischen dem Mystischen und dem Schelmischen changierten: Zünde ein Streichholz anund warte bis es abgerannt ist. ... Stelle einen Schlüssel her. Finde ein Schloss zu dem er passt. Wenn du es gefunden hast, brenne das Haus ab, das daran hängt. ... Höre der Erde zu, wie sie sich dreht. Da ihm der blanke Opportunismus der Popmusik und ihre lächerlich aufgeblähten Werte bewusst waren, schätzte er auch die "Ono-Preisliste", auf der leere Tonbänder mit verschiedenen Arten von Schneefall in der Dämmerung angeboten wurden, und das für 25 Cent pro Inch.

"John Lennon Die Biographie" - Philip Norman

10.01.2012

Die Medien, das sind wir!

Information führt zu Wahrnehmung, Wahrnehmung führt zu Handeln, das aufsummierte Handeln ist unsere soziale Realität. Über die vergangenen Jahrtausende – bis heute – üben Partikularinteressen über die Medien Einfluss auf die soziale Ordnung aus. Stets war die Informationsverbreitung eng verbunden mit religiöser, staatlicher oder wirtschaftlicher Herrschaft.

Aktuell ist es ein eng verknüpftes Netz von Konzernmedien, das Entscheidungen stützt, verhindert, beeinflusst oder herbeiführt. Hinzu kommt die Macht des Agenda Settings, die große Medien ausüben. So legen diese vor allem auch fest, über welche Themen gesamtgesellschaftlich überhaupt gesprochen wird. Gleich einer unsichtbaren Matrix wird ein Rahmen festgelegt in dem wir uns geistig bewegen und aus dem wir nur schwerlich ausbrechen können. Auch als kritischer Nutzer oder Verweigerer der Massenmedien sind wir von diesem Agenda Setting betroffen. Denn wenn unsere unmittelbare Umgebung dergestalt beeinflusst wird, hat dies auch Rückwirkungen auf uns selbst.

Die digitale Revolution menschlicher Kommunikation eröffnet uns nun erstmals in der Geschichte die Möglichkeit, diese ideellen Fesseln zu zerschlagen. Das Internet, als dezentrales, freies Netz ist der Raum in dem wir uns vollends entfalten können und in dem wir – wenn wir bewusst handeln – die Struktur medialer Informationsverbreitung nachhaltig ändern können. Seit vielen Jahren arbeiten engagierte Menschen überall auf der Welt daran, uns Technologien zur Verfügung zu stellen, die diesen wichtigen Schritt nun ermöglichen. An erster Stelle sei hier das Bloggen genannt. Blogs geben jedem von uns die Möglichkeit selbst zu publizieren, also selbst Teil des Mediennetzes zu sein. Im Verbund, sprich in der Vernetzung, können wir uns gegenseitig informieren und sind fortan nicht mehr oder immer weniger auf die Information großer Konzernmedien angewiesen.

Auch können wir künftig mitentscheiden welche Themen uns am Herzen liegen, welche Probleme wir am dringlichsten lösen wollen und wie dies geschehen soll. Wir müssen nicht tagelang über banale Personalfragen reden, wenn es eigentlich wichtigere Dinge zu besprechen gibt. So gilt: Die Informationsverbreitung zu dezentralisieren heißt die Gesellschaft zu demokratisieren.

Blogs dienen auch als Archive umfassender Debatten, deren Teilnehmer im Verbund stets mehr Wissen zusammentragen als jeder Einzelne dies alleine tun könnte. Blogartikel und -diskussionen sind jederzeit für jeden einsehbar, verlinkbar, verbreitbar, vernetzbar. Blogs sind neben Wikis das ideale Werkzeug um den Wissensschatz, den die Menschheit über Jahrtausende angesammelt hat, strukturiert aufzubereiten und transparent für alle zugänglich zu machen.

Nun gibt es auch viele Skeptiker des Internets. Das Internet ermöglicht die totale Kontrolle heißt es immer wieder und soziale Netzwerke dienen letztendlich nur dem Zweck uns auszuspionieren, uns zu rastern und uns so zu immer effizienteren Kunden nutzloser Produkte zu machen. All dies ist nicht immer von der Hand zu weisen. Doch liegt es an uns, ob wir Dienste wie facebook nutzen um in einer persönlichen Lebens-Chronik jeden Kaffee den wir trinken einzutragen oder ob wir soziale Netzwerke als das verstehen was sie eigentlich sind: Dezentral verästelte Verbindungskanäle zwischen uns allen. Wir können diese Netzwerke nutzen um gesellschaftlich relevante Information auszutauschen und zu verbreiten. Zur Aufbereitung und Archivierung von Wissen taugen Netzwerke wie facebook jedoch nicht.

Das Internet als solches ist unser Raum und als diesen sollten wir ihn auch begreifen. Wir sollten nicht den Fehler machen, den wir vor einigen Jahrzehnten im politischen System gemacht haben: Andere haben dort vielleicht verächtliche Pläne verfolgt, wollten und wollen Wissen und Macht monopolisieren, also wendeten wir uns ab. Dies darf jedoch nicht die Schlussfolgerung sein, die wir für die Zukunft ziehen. Die Schlussfolgerung muss lauten: Besetzen wir das Netz, füllen wir es mit unseren Ideen! Begreifen wir es als die demokratischste und freieste Struktur, die jemals in der Menschheitsgeschichte geschaffen wurde und verteidigen wir es gegen jede Art der Zensur, gegen jede Art der Monopolisierung und gegen jede Art der Privatisierung. Unzählige Online-Aktivisten auf der ganzen Welt führen seit Jahren diesen Kampf, damit wir alle auch weiterhin das Netz zum freien Informationsaustausch nutzen können.

Wir alle haben in unserem Leben eine Menge gelernt. Vieles von dem sollten wir weitergeben und teilen. Wer denkt kann auch schreiben und wer schreiben kann, kann auch bloggen.

Die Zukunft wird in der Gegenwart geschrieben und sie ist nur dann demokratisch und gerecht wenn alle mitschreiben. Hört auch auf euch gegenseitig für das Verbreiten von Information anzugreifen. Herrschaft und Macht beruhen immer auf der Zurückhaltung und Kanalisierung von Information – nicht auf der freien Verbreitung ebendieser. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe das dezentrale Netz kleiner Medien weiter auszubauen und zu nutzen. Jeder Einzelne kann hierzu etwas beitragen und sollte dies auch tun. Denn Wissen ist Macht, und wir sozialisieren die Macht indem wir das Wissen sozialisieren.

Von Florian Hauschild the babyshambler

02.01.2012

Rostrot, kupferbraun, fast bronze



Patrick Salmen

du bist, was du hast


Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe und dann verliere, was ich habe? Nichts als ein besiegter, gebrochener, erbarmenswerter Mensch, Zeugnis einer falschen Lebensweise. Weil ich verlieren kann, was ich habe, mache ich mir natürlich ständig Sorgen, dass ich verlieren werde, was ich habe. Ich fürchte mich vor Dieben, vor Krankheit, vor dem Tod und ich habe Angst zu lieben, Angst vor Freiheit, vor dem Wachsen, vor der Veränderung, vor dem Unbekannten. So lebe ich in ständiger Sorge und leide an chronischer Hypochondrie, nicht nur in bezug auf Krankheiten, sondern hinsichtlich jeglichen Verlusts, der mich treffen könnte; ich werde defensiv, hart, mißtrauisch, einsam von dem Bedürfnis getrieben, mehr zu haben.

Ein weiterer ermutigender Aspekt ist die wachsende Unzufriedenheit mit unserer gegenwärtigen Gesellschaftsordnung. Eine zunehmende Zahl von Menschen empfindet die "malaise du siecle" aller Verdrängungsversuche. Sie fühlen die Öde ihrer Isolation und die Leere ihres Zusammenseins; sie empfinden ihre Ohnmacht, die Sinnlosigkeit ihres Lebens. Viele spüren das sehr klar und bewußt; andere weniger deutlich, aber sie werden gewahr, wenn jemand anderer es in Worte faßt.

Haben oder Sein - Erich Fromm

so macht's 'ne Frau

"Warte mal 'ne Minute. Ich werd dir was zu essen zurechtmachen. Vielleicht hast du's nötig."
So machte sie mir also was zu essen zurecht und fragte: "Sag mal, wenn sich 'ne Kuh hinlegt, mit welchem Ende steht sie dann zuerst wieder auf? Antworte mir gleich - denk nicht erst drüber nach. Mit welchem Ende steht sie zuerst auf?"
"Mit dem hinteren Ende."
"Na, und 'n Pferd?"
"Mit dem vorderen Ende."
"An welcher Seite sind die Bäume am meisten mit Moos bewachsen?"
"An der Nordseite."
"Wenn fünfzehn Kühe zusammen auf 'nem Abhang weiden, wie viele von ihnen halten dann beim Fressen den Kopf in dieselbe Richtung?."
"Alle fünfzehn."
"Na, ich glaube, du hast wirklich auf dem Lande gelebt. Ich dachte, vielleicht wolltest du mich wieder an der Nase rumführen. Wie heißt du denn nun wirklich?"
"George Peters."
"Na, versuch, dich dran zu erinnern, George. Vergiss nicht und erzähl mir nicht, du heißt Alesander, bevor du gehst, um dich dann, wenn ich dich erwische, damit rauszureden, dein Name war George-Alexander. Und komm in dem alten Kuttenkleid da Frauen nicht zu nah. Die Rolle von 'nem Mädchen spielst du ziemlich schlecht, aber Männer könntest du vielleicht irreführen. Du lieber Himmel Kind, wenn du 'ne Nadeln einfädeln willst, dann halt nicht den Faden still und für nicht die Nadel heran, sondern halt die Nadel still und führ den Faden durch - so macht's 'ne Frau fast immer, aber Männer machen's stets umgekehrt.[...]

"Huckleberry Finns Abenteuer" - Mark Twain