04.09.2015

Der Tod im Meer

Ich schau in Dich,
in deinem Gesicht find ich mich
als Mensch,
nun bist Du tot,
vergraben in den Untergrund des Meeres.

Ich bin am Leben, trauere,
klage über Deinen Tod
als Mensch
Du wolltest wie ich leben, in Freiheit.

Die Hoffnung,
eine Zukunft für Deine Kinder zu bauen,
hat Dich mit den Wellen getrieben,
als Leiche nach Europa.

Hıdır Eren Çelik

29.08.2015

Abtreibung

Der Professor, ein sehr gescheiter Herr,
sagte den Studenten, er bitte sie sehr,
ihm nun ihr Vertrauen zu schenken
und mitzuteilen, wie sie darüber denken:

Da sei ein Mann, syphiliskrank, ganz klar.
Das sagte er sachlich, ohne Kommentar.
Dazu eine Mutter, die an TBC leide,
allso schwer krank seien sie alle beide.

Krank seien die Kinder leider ebenso.
Der Tod eines Kindes mache auch nicht froh.
Die andern seien TBC-krank, taub und blind.
Schwanger sei die Frau mit dem fünften Kind.

Abzutreiben, seien die Eltern einverstanden.-
Nun, was meint Ihr, meine Probanden?
Die meisten waren sich ganz im Klaren,
daß man unbedingt so sollte verfahren.

Ja, der Abbruch muß unbedingt passieren!
Der Professor: "Da muß ich gratulieren!
Ermordet haben Sie Beethoven, das Genie!"
Und diesen Satz vergaßen sie nie.

Irmgard Adomeit

07.05.2015

Mannomann

Hör schon auf.
Machen Punkt.
Du bist doch fertig, Mann, und nur noch läufig.

Sag nochmal: Wird gemacht.
Drück nochmal Knöpfchen und lass sie tanzen die Puppen.
Zeig nochmal deinen Willen und seine Brüche.
Hau nochmal auf den Tisch, sag: Das ist meiner.
Zähl nochmal auf, wie oft du und wessen.
Sei nochmal hart, damit es sich einprägt.
Beweise dir noch einmal deine große, bewiesene,
deine allumfassende Fürundfürsorge.

Mannomann.
Da stehst du nun und im Anzug da.
Männer weinen nicht, Mann.
Deine Träume, die typisch männlich waren, sind alle gefilmt.
Deine Siege datiert und in Reihe gebracht.
Dein Fortschritt eingeholt und vermessen.
Deine Trauer und ihre Darsteller ermüden den Spielplan.
Zu oft variiert deine Witze; Sender Eriwan schweigt.
Leistungsstark (immer noch) hebt deine Macht sich auf.

Mannomann.
Sag nochmal ich.
Denk nochmal scharf.
Blick nochmal durch.
Hab nochmal recht.
Schweig nochmal tief.
Steh oder fall noch ein einziges Mal.

Du musst nicht aufräumen, Mann; lass alles liegen.
Du bist nach deinen Gesetzen verbraucht,
entlassen aus deiner Geschichte.
Und nur das Streichelkind in dir
Darf noch ein Weilchen mit Bauklötzen spielen. -
Was, Mannomann, wird deine Frau dazu sagen?

Günter Grass

20.04.2015

what will may

Lovely Mild

How come that we met
Far away, yet close to me

To leave you is like a threat
Every day, my sun is she

The brightest sunset
It will stay, your smile to see

I am in your debt
End of grey, traveling free

My journey is set
It will may, with you to be

Thanku

18.04.2015

Was mich zu dir so heftig zog

Was mich zu dir so heftig zog
War nicht der Augen Allgewalt,
Der Schimmer nicht des goldnen Haar's
Und nicht die schlanke Huldgestalt.

Was mich zu dir so mächtig zog,
War deiner Stimme trüber Klang,
Der mir wie Nachtigallensang
Ins Herz, ins lebensmüde, drang.

Die Blässe deiner Wangen war's
Und deine Träne, die verriet,
Dass deine Seele tiefgeheim
Ein namenloses Weh durchzieht.

Maximilian Bern

18.03.2015

Worship

Eine kurze Leidensgeschichte ist mir in Thailand wiederfahren, als ich über einige Wochen auf einer Insel blieb.
Ich weiß nicht was es war, vielleicht die unsägliche Anzahl an Backpackerinnen und Backpackern oder einfach ihre Gestalt, jedenfalls fiel mir sie mir schon an meinem ersten Tag in dieser Bar auf.
Zuerst dachte ich, sie stammt aus Thailand, denn sie hatte bräunliche Haut und war gerade mal 1.60 groß. Ein paar gefärbte Haarsträhnen und stets goldene Fingernägel, manchmal Hotpants machmal hatte sie auch ihre Haare zurückgebunden und dann sah man goldene Ohrringe, die wie Tropfen von ihrem Ohrläppchen herab hingen. Sie hatte stets zwei Lächeln parat, das typische Kellnerinnen lächeln, das Freundlichkeit und Eifer ausstrahlte und dann war da das andere.
Ihre erste Frage war, wie lange ich blieb, das beschäftigte sie anscheinend. Dann kam das Alter, sie lächelte aber das war das Falsche. Ihr Name war Mimi, wohl ein Spitzname.
Von da an beobachtete ich sie jeden Tag und träumte von ihr morgens und abends. Manchmal fragte ich mich, wie ich es anstellen sollte, dass aus uns mehr wurde, ob sie mit nach Deutschland kommen würde.
Ich lernte den Barbesitzer Johnny bei etlichen Freibier kennen. Er hat mir mein optionales Leben schon vorgelebt, ein Kind mit einer Thailänderin, geschieden und lebt nun hier für Kind und Bar. Als er viel Alkohol intus hat sagt er, nie mit einer Frau am gleichen Arbeitsplatz runmachen. Sie wird dominant und will das Ruder. Er blickt auf Mimi und sagt, No, we had this already.
Dann nach einigen Tagen, wischte sie den Tisch vor mir ab und ich sagte Thank you. Da sah ich ihr natürliches Lächeln. Sie sagte sie müsse für zwei Tage ins Krankenhaus und ich fragte wieso aber sie konnte nur gebrochenes Englisch.
Während dieser Zeit versuchte ich der Bar aus dem Weg zu gehen. Ich redete kurz mit ihrer Schwester, die auch in der Bar arbeitete. Sie fragte mich ob ich sie mag und ich sagte natürlich. Sie war nicht überrascht.
Als Mimi wieder zurück war, schien sie erschöpft. Ich wartete, bis alle Gäste verschwunden waren. Wir redeten kurz und intensiv. Sie war eigentlich aus Burma, doch da es dort zu wenig Arbeit gab, schickten ihre Eltern sie hierher. Nicht ungewöhnlich für die Insel. Sie schämte sich Englisch zu sprechen. Immer sagt sie No good englisch. Immer sage ich you good englisch. Sie zeigt mir einen Amerikaner aus Facebook, von dem sie Englisch gelernt hat. 9 Months he stayed, sagen ihre Lippen. Sie will, dass ich länger bleibe, sagen ihre braunen Augen. Ich frage sie, ob sie hier bleiben will oder weg möchte. Sie will hier bleiben, vielleicht zurück nach Burma zu den Eltern. Ich lächle und sage Gute Nacht. Ein Tiefpunkt.
Was bilde ich mir schon ein sie aus ihrer festen Umgebung rausreißen zu wollen und auch das Englisch ist schwer mit ihr. Natürlich würde ich ihr alles zahlen, sie in Deutschland mit einer Heirat einbürgern und gelegentlich würden wir nach Burma kommen. Was man sich eben so einbildet.
Die nächsten Tage verringern sich unsere Blickkontakte. Ich frage noch nach Facebook und schreibe ihr, aber sie schreibt nicht zurück. Vielleicht ist sie da nicht oft, aber in der Bar ist sie jeden Tag. Ich beschäftige mich mit meiner Weiterreise und denke nur noch gelegentlich an das was hätte sein können. Vielleicht komme ich in einigen Jahren nochmal hier hin und sehe dann ihre Kinder hier in der Bar rumrennen. Dann werde ich froh sein, dass nichts passiert ist.
Mein Freund Tim sagt, in einer Bar geht es immer nur um die Kellnerin. Irgendwie hat er recht damit.

15.03.2015

Aus ihren Augen lacht die Freude

Aus ihren Augen lacht die Freude,
Auf ihren Lippen blüht die Lust,
Und unterm Amazonenkleide
Hebt Mut und Stolz und Drang die Brust;
Doch unter Locken, welche fliegen
Um ihrer Schultern Elfenbein,
Verrät ein Seitenblick beim Siegen
Den schönen Wunsch besiegt zu sein.
Jakob Michael Reinhold Lenz

22.02.2015

Gegenwart

Es gibt eine recht hübsche Geschichte von zwei Mönchen, die von Dorf zu Dorf wandern und dabei einem jungen Mädchen begegnen, das am Flussufer sitzt und weint. Einer der Mönche geht zu ihr und sagt: "Schwester, worüber weinst du?" Sie antwortet: "Sehen Sie das Haus dort drüben auf der anderen Seite des Flusses? Ich kam heute am frühen Morgen herrüber und hatte keine Mühe, den Fluss zu durchwaten; aber nun ist das Wasser angestiegen und ich kann nicht mehr zurück; es ist kein Boot da." - "Oh", sagt der Mönch, "das ist gar kein Problem.", und er hebt das Mädchen auf, trägt es über den Fluss und lässt es auf der anderen Seite zurück. Die beiden Mönche gehen zusammen weiter. 
Nach einigen Stunden sagt der andere Mönch: "Bruder, wir haben unser Gelübde abgelegt, niemals eine Frau zu berühren. Was du getan hast, ist eine furchtbare Sünde. War es nicht ein Vergnügen  für dich, ein aufregendes Ereignis, eine Frau zu berühren?" 
Der andere Mönch erwidert: "Bereits vor zwei Stunden habe ich sie hinter mir gelassen, du aber trägst sie immer noch mit dir herum."

08.01.2015

Keine Rast


Seele, banger Vogel du,
immer wieder mußt du fragen: 
Wann nach so viel wilden Tagen 
kommt der Friede, kommt die Ruh? 

Ob, ich weiß: kaum haben wir 
unterm Boden stille Tage, 
wird vor neuer Sehnsucht dir 
jeder liebe Tag zur Plage. 

Und du wirst, geborgen kaum, 
dich um neue Leiden mühen 
und voll Ungeduld den Raum 
als der jüngste Stern durchglühen.



Hermann Hesse
Hermann Karl Hesse war ein deutschsprachiger Schriftsteller, Dichter und Maler. Weltweite Bekanntheit erlangte er mit Prosawerken wie Siddhartha oder Der Steppenwolf und mit seinen Gedichten (z. B. Stufen). 1946 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur und 1954 der Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste verliehen.

12.12.2014

,Es' hat geschossen

Fragt man von hier aus, wie japanische Bogenmeister diese Auseinandersetzung des Schützen mit sich selbst sehen und schildern, so muß ihre Antwort vollends rätselhaft klingen. Denn die Auseinandersetzung besteht für sie darin, daß derSchütze auf sich selbst - und wiederum nicht auf sich selbst - zielt, daß er dabei vielleicht sich selbst - und wiederum nicht sich selbst - trifft und somit in einem Zielender und Ziel, Treffender und Getroffener ist. Oder, um mich einiger Ausdrücke zu bedienen, die Bogenmeistern ans Herz gewachsen sind: es kommt darauf an, daß der Schütze trotz all seinem Tun unbewegte Mitte wird. Dann stellt das Größte und Letzte sich ein: die Kunst wird kunstlos, das Schießen wird zu einem Nichtschießen, zu einem Schießen ohne Bogen und Pfeil; der Lehrer wird wieder zum Schüler, der Meister zum Anfänger, das Ende zum Beginn und der Beginn zur Vollendung.

Ich fragte daher: „Ist es nicht wenigstens denkbar, daß Sie, nach jahrzehntelangem Üben, unwillkürlich und mit geradezu nachtwandlerischer Sicherheit Bogen und Pfeil beim Spannen so in Anschlag bringen, daß Sie, ohne bewußtes Zielen, die Scheibe treffen, ja einfach treffen müssen?" Der Meister, an mein lästiges Fragen längst gewöhnt, schüttelte den Kopf. „Ich will gar nicht in Abrede stellen", sagte er nach einer Weile besinnlichen Schweigens, „daß an dem, was Sie da sagen, etwas sein könnte. Stelle ich mich doch dem Ziel gegenüber', so daß ich es erblicken muß, auch wenn ich mich nicht mit Absicht nach ihm richte. Aber andererseits weiß ich, daß dieses Erblicken nicht genügt, nicht entscheidet, nichtserklärt, denn ich sehe das Ziel, als sähe ich es nicht."

„Dann müßten Sie es auch mit verbundenen Augen treffen", entfuhr es mir. Der Meister sah mich mit einem Blick an, der mich befürchten ließ, als habe ich ihn verletzt, und sagte dann, „Kommen Sie heute abend!" Ich nahm ihm gegenüber auf einem Kissen Platz. Er reichte mir Tee, sprach aber kein Wort. So saßen wir eine lange Weile da. Nichts war zu hören als das singende Brodeln des kochenden Wassers über glühenden Kohlen. Endlich erhob sich der Meister und gab mir einen Wink, ihm zu folgen. Die Übungshalle war hell erleuchtet. Der Meister hieß mich eine Moskitokerze, lang und dünn wie eine Stricknadel, vor der Scheibe in den Sand zu stecken, das Licht im Scheibenstand jedoch nicht anzuknipsen. Es war so dunkel, daß ich nicht einmal dessen Umrisse wahrnehmen konnte, und wenn nicht das winzige Fünklein der Moskitokerze sich verraten hätte, hätte ich die Stelle, an welcher die Scheibe stand, vielleicht geahnt, aber nicht genau auszumachen vermocht. Der Meister „tanzte" die Zeremonie. Sein erster Pfeil schoß aus strahlender Helle in tiefe Nacht. Am Aufschlag erkannte ich, daß er die Scheibe getroffen habe. Auch der zweite Pfeil traf. Als ich am Scheibenstand Licht gemacht hatte, entdeckte ich zu meiner Bestürzung, daß der erste Pfeil mitten im Schwarzen saß, während der zweite die Kerbe des ersten Pfeiles zersplittert und den Schaft ein Stück weit aufgeschlitzt hatte, bevor er sichneben ihm ins Schwarze bohrte. Ich wagte nicht, die Pfeile einzeln herauszuziehen, sondern brachte sie mitsamt der Scheibe zurück. Der Meister schaute sie prüfend an. „Der erste Schuß", sagte er dann, „sei kein Kunststück gewesen, werden Sie meinen, ich sei doch mit meinem Scheibenstand seit Jahrzehnten so vertraut, daß ich sogar bei tiefstem Dunkel wissen müsse, wo sich die Scheibe befindet. Das mag sein, und ich will mich nicht auszureden versuchen. Aber der zweite Pfeil, der den ersten traf - was halten Sie davon? Ich jedenfalls weiß, daß nicht ,ich' es war, dem dieser Schuß angerechnet werden darf. ,Es' hat geschossen und hat getroffen. 

"Zen in der Kunst des Bogenschießen" - Eugen Herrigel