27.04.2009

Briefe an Vera 1 - 23

1

Liebe Vera

Das Licht hier ist so sonderbar. Man erkennt die Menschen, die sich um einen 'rum bewegen, kaum. Es ist nicht zu dunkel, es blendet auch nicht, nur die Schatten liegen irgendwie falsch. Du solltest vorbeikommen und es dir ansehen. Es würde dich sicherlich amüsieren. Du lachst ja so gerne über unverständliche Dinge. Ich lache neuerdings auch wieder, aber nicht zu laut, um die Geier, die ich mir halte, nicht zu erschrecken. Sie schlafen immer, wenn ich nach ihnen schaue und ihnen die verwesenden Tiere - Katzen und Hunde meistens - bringe, die ich während meiner nächtlichen Autofahrten erlege. Kannst du dich noch an diese Fahrten erinnern? Wir waren oft zusammen und betrachteten die Kaninchen, die wie versteinert auf der Straße standen und in unsere Scheinwerfer blickten. Und du wurdest dabei immer ganz feucht. Vor allem, wenn ich sie erwischte.

Mir fehlt dein Lachen

Beckmann


2

Liebe Vera

Es schmerzt mich, an dich zu denken, doch ich denke zur Zeit fast nur noch an dich. Ich versuche, mich mit Erinnerungen wach zu halten, am Leben zu bleiben. Doch es gibt mittlerweile nicht mehr allzuviel, an das ich mich erinnere, ich habe sie alle ausgesaugt - die Erinnerungen. Ich sehne mich nach einer neuen Erfahrung, an die ich mich dann erinnern kann. Ich hoffe, wir treffen uns noch dieses Jahr.

In Sehnsucht

Beckmann


3

Liebe Vera

Nun sind sie aufgebraucht, die Erinnerungen. Du verschwimmst immer mehr zu einem Gespenst, ich weiß nur noch, daß es diese eine Nacht gab. Wo trafen wir uns? Ich glaube, daß es da eine Bautänzerin gab, aber ich möchte es nicht beschwören. Du bist inzwischen fast nur noch ein Name.

Ich möchte deine Hände sehen.

Ich frage mich, wann ich wohl deinen Namen vergessen werde. Weißt du eigentlich noch, wer ich bin?

Manchmal frage ich mich, ob du nicht das Mädchen warst, mit dem ich mich neulich so gut unterhalten habe, und ich habe dich nur nicht erkannt. Oder die, die mir in der Trambahn gegenüber saß. Sie hatte so tiefblaue traurige Augen, daß ich einen Moment daran dachte, ihr das alte Messer in die Brust zu rammen. Ich habe dir - glaub ich - von ihm erzählt - von dem Messer. Es ist ein Erbstück, daß ich von meinem Großvater bekommen habe, und auf der Klinge sind unverständliche Runen eingeritzt. Ich habe nie versucht, sie zu entschlüsseln, vielleicht ist es ja nur ein Kochrezept, aber mit diesem Messer schneide ich mir immer die Narben in den Körper, die du so bewundert hast.

Hast du?

Beckmann


4

Liebe Vera

Langsam kehren Bilder aus unserer Vergangenheit zurück. Als du für mich die Wildsau geschlachtet hast und wir das Blut getrunken haben. Ich habe es dir in den Ausschnitt geschüttet, und unter deinem vormals weißen T-Shirt traten deine Brüste rot hervor. Du hast gelacht. Ich fand es immer so schön, daß du lachtest, wenn ich etwas tat. Das war wie eine Bestätigung.

Dafür geht mir jetzt mein Zeitgefühl verloren. Nach der Tatkräftigkeit meiner Lunge zu schlissen dürfte ich etwa 6o Jahre alt sein, doch ich habe nicht viel Bartwuchs. Ich könnte nicht verbindlich sagen, ob ich volljährig bin, aber ich möchte auch keinen Kinderfahrschein lösen. Ich habe versucht, mich an Zahlen auf meinen Geburtstagstorten zu erinnern, und da war eine fünf - es könnten aber auch zwei gewesen sein.

Wie lange ist es her, daß wir uns zuletzt sahen? Vielleicht kannst du mir diese Frage beantworten. Schreib mir doch mal, ja?

Beckmann


5

Liebe Vera

Ich glaube, ich verlasse dich jetzt. Das klingt vielleicht komisch, da wir ja eigentlich nie zusammen waren. Ich weiß auch nur andeutungsweise, wie du unterhalb deines Kragens aussiehst, ich weiß von dir nur, was du mir geschrieben hast, und, daß wir uns irgendwann einmal gesehen haben. Bist du eigentlich blond?

Beckmann


6

Liebe Vera

Wie ist es dir ergangen, seit wir uns getrennt haben? Ich habe einen alten Brief gefunden, von dir, doch er war unverständlich. Ich konnte den Worten keinen Sinn mehr entnehmen, aber sie über auf mich immer noch eine Magie, eine Faszination aus. Ich würde dich gerne einmal wiedersehen, nur so, um über alte Zeiten zu reden.

Ich bin wieder in das alte Verhaltensmuster zurückgefallen und töte die Mädchen, mit denen ich schlafe meistens - danach. Meine Sammlung ist jetzt einiges größer geworden, willst du sie nicht wieder einmal sehen? Früher fandest du sie immer so toll.

Hast du zur Zeit einen Freund? Ich würde ihn gerne mal kennenlernen. Bring ihn doch mal mit.

Ich vermisse unsere Zeit

Beckmann


7

Liebe Vera

Abends, nachdem ich aufgestanden bin, steige ich immer in die Kanalisation hinab und jage Ratten durch die Rohre, die wie verrückt quieken. Wenn ich eine erwischt habe, beiße ich ihr immer den Kopf ab. Ich esse ihn nicht. Das erinnert mich an dich.

Ich hoffe, es geht dir gut

Beckmann


8

Liebe Vera

Ich denke in letzter Zeit immer seltener an dich, das macht mich traurig, aber wir haben uns so lange nicht mehr gesehen. Ich war auch lange nicht mehr zu hause, suche nach neuem, unerlebtem.

Seit einiger Zeit versuche ich, mich täglich umzubringen. Es hat noch nicht geklappt, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Vielleicht schaffe ich es ja doch noch, vielleicht ist dies mein letzter Brief an dich. Du sollst aber wissen, daß ich dich immer geliebt habe. Ich wünsche dir noch ein schönes Leben.

Ich vermisse dich

Beckmann


9

Liebe Vera

Ich glaube, ich schaffe es doch nicht.

Bitte komm zurück

Beckmann


10

Liebe Vera

Sie haben mich erwischt, wie ich gerade einem toten Mädchen die Brüste abtrennte. Ich wollte wieder einmal etwas essen. Ich esse wenig.

Jetzt haben sie mich in ein Heim gesteckt, ich bekomme dreimal am Tag Nahrung, einmal warm. Der Kaffee ist schlecht und die Wärter schrecklich unsensibel. Es gibt keine Frauen, das wäre zu gefährlich. Der Typ, der mit mir im Zimmer ist, ein glatzköpfiger ausgemergelter Greis, hat seinen drei Töchtern tote Eulen in die Vagina gesteckt. Das amüsiert mich, ich habe ich gefragt, warum er sie nicht gegessen hat - Eulen und Töchter. Die anderen sprechen nicht viel, und schreiben können die meisten nicht mehr.

Hier versucht jeder, sich umzubringen, darum ist es mir jetzt zu langweilig geworden. Ich habe jetzt eine neue Herausforderung: Überleben. Ich merke, wie mich die Drogen verändern.

Trotzdem habe ich dich nie vergessen

Beckmann


11

Liebe Vera

gestern war ich bei unserem Psychologen. Er ist ein kleiner dicker Mitsechziger mit schrecklich weißer Haut und feuchten Händen. Ständig kaut er auf irgendwas herum. Ich habe ihm das gesagt und er hat mir einen Spielgel vorgehalten. Ich sah ihm sehr ähnlich. Er sagte mir, daß ich im Schlaf von dir gesprochen hätte, und daß ich nur gesund werden kann, wenn ich dich vergesse. Ich habe doch noch nie im Schlaf gesprochen. Ich habe ihm gesagt, daß du der einzige Grund bist, warum ich überhaupt hier raus will. Er meinte, du bist nur Einbildung. Ich wußte gar nicht, daß ich so schöne Phantasien habe.

Das erheitert mich

Dein

Beckmann


12

Liebe Vera

ich weiß, es ist noch nicht lange her, daß ich dir geschrieben habe, doch ich muß dir sagen, daß sie meine Post kontrollieren, denn sie haben mit mir über meinen letzten Brief an dich gesprochen. Ich schreibe dir jetzt also nicht mehr, und versuche, dich zu vergessen, ich möchte hier heraus. Ich werde diese Briefe vermissen.

Ich liebe dich

Beckmann


13

Liebe Vera

Es ist lange her, daß ich geschrieben habe, aber ich weiß nicht, wie lange, dazu müßte ich wissen, wie lange ich in diesem Heim war. Sie haben mich jetzt entlassen und mir gesagt, daß ich jetzt gesund sei. Sie haben mir nie gesagt, was eigentlich meine Krankheit war, und als ich den Arzt das fragte, sagte er nur:

A: War ich krank? Bin ich genesen?

Und wer ist mein Arzt gewesen?

Wie vergaß ich alles das?

B: Erst jetzt weiß ich dich genesen,

Denn gesund ist, wer vergaß.

Er sagte, das sein von Nietzsche, ich sagte, daß sein Scheiße, er lachte und sagte, viel Glück im neuen Leben.

Ich möchte dich jetzt endlich wiedersehen, ich habe so lange gewartet. Leider sind meine Geier inzwischen gestorben, aber wir könnten uns ja unter den Trauerweiden bei dem kleinen See treffen, wo unsere Kinder ertrunken sind. Auch dort war ich lange nicht mehr.

Meine Liebe ist ungebrochen

Dein

Beckmann


14

Liebe Vera

Ich glaube, du hast mich vergessen, ich verstehe das nicht.

Machs gut, vielleicht schaffe ich es auch alleine.

Beckmann


15

Liebe Vera

Ich muß mich wohl daran gewöhnen, von dir keine Antworten mehr zu erhalten, aber ich schreibe dir trotzdem. Es ist nicht leicht, im neuen Leben Fuß zu fassen, und ich brauche diese Aussprachen einfach. Es hilft mir, meine Gedanken zu ordnen und zu verarbeiten, was ich tue. Ich habe mir einen Bungalow am Stadtrand gemietet und halte mir ein Rudel Wölfe in einem Zwinger, der den gesamten Garten einnimmt. Ab und an finde ich ein spielendes Kind und werfe es hinein, und dann setze ich mich an mein Fenster, zünde mir eine Pfeife an und schaue zu. Meistens dauert es nicht lange, denn sonst bekommen sie nichts zu essen. Manchmal zerfleischen sie sich auch gegenseitig - im Kampf um das Futter. Nachts kann ich wegen dem Bellen nicht schlafen. Nachbarn habe ich keine.

Das nächste Kind werde ich dir widmen

Dein

Beckmann


16

Liebe Vera

Neulich kam ein alter Mann vorbei und frage mich, ob ich nachts auch immer den Mond anschaue. Er sagte mir, daß im Mond die Zukunft geschrieben steht und man nur hinaufblicken muß - die ganze Nacht - und man kann sie lesen. Ich erstach ihn und warf ihn in den Zwinger. Die Wölfe rührten ihn nicht an. In der Nach schaute ich dann zum Mond und sah sein Gesicht. Ist das die Zukunft?

Dein

Beckmann

p.s.: Der Alte sah genauso aus wie der, der bei mir im Zimmer war, damals.


17

Liebe Vera

Es ist traurig, aber mein Augenlicht wird immer schlechter. Ich habe erst gestern wieder ein Päckchen Nudelsuppe mit einem Päckchen Reis verwechselt. Die Suppe war ungenießbar, doch ich brauche nicht viel zu essen. Ich muß in den letzten drei Wochen ungefähr 8 Kilo abgenommen haben, doch noch bin ich kräftig genug, um die drei Treppen zu meiner Wohnung hinaufzusteigen. Du kennst doch meine Wohnung? Diese netten drei Zimmer in der Altstadt, deren Fenster auf eine Einkaufsstraße zeigen. Früher saß ich da immer und blickte den jungen Pärchen nach, die zwischen Fast-Food-Lockalen, Schmuckgeschäften und Mode Boutiquen hin und her gingen, die Arme ineinander gehakt, ihr grünen Augen glitzernd von den goldenen Ohrringen in der Auslage, sein ständig besorgter Griff zum Portemonnaie, und seine vom Zigarettenrauch schon leicht gelblichen Zähne, die sie glücklich anlächelten, wenn sie an ihm auf und ab hüpfte, weil sie eine wunderschöne Brosche entdeckt hatte. Mit meinen Zähnen kann schon lange keiner mehr mithalten. Die drei Päckchen Filterlose, die ich am Tag rauche, werden mir von der Tochter des Zigarettenhändlers um die Ecke jeden Tag in die Wohnung gebracht, doch sie läutet nur, die kleine zehnjährige, und gibt sie mir an der Tür. Sie kommt nie herein. Schade.

Du solltest sie dir mal anschauen.

Beckmann


18

Liebe Vera

Meine Augen müssen ein bißchen besser geworden sein, denn ich kann mich ab und zu Morgens im Spiegel erkennen. Das, was ich sehe, erinnert mich immer mehr an den alten Mann, der damals in unserer Straße lebte, als ich noch jung war. Der, der nachts immer mit seiner Flinte rausging, um auf nächtlich herumlungernde Juden zu schießen. Ab und zu traf er auch welche. Er tat das so lange, bis die Juden ihn dann in seiner Wohnung aufhängten.

Sie liesen ihn hängen und niemand vermißte ihn. Nur ich habe jeden Tag zu ihm reingeschaut und beobachtet, wie die Verwesung langsam voranschritt. Ich sehe jetzt ungefähr so aus, wie er, nachdem er drei Wochen lang hing.

Schreib mir, dann schick ich dir ein Photo

Beckmann


19

Liebe Vera

Ich kann zwar nicht mehr viel erkennen, doch ich bin jetzt wieder dazu übergegangen, am Fenster zu sitzen und in die Straße hinunter zu blicken. Wie durch ein Wunder kann ich ausgezeichnet hören, und so lausche ich den Klängen des Lebens: Lachen und Schreien. Ich verhalte mich so wie so den ganzen Tag leise, damit ich höre, wenn eine meiner Mausefallen zuschnappt. Diese Mäuse sind eigentlich das einzige, was ich esse, denn mein Geld geht für Schnaps und Zigaretten drauf. Sie sind wohlgenährt, und so bin ich es auch. Wenn es zuschnappt, denn muß ich immer an allen Plätzen nachschauen, denn ich sehe jetzt wieder so schlechte, daß ich nur fühlen kann, ob eine Maus in der Falle ist. Ich hab mir dabei schon oft die Finger eingezwickt, aber das ist nicht so schlimm.

Komm doch mal vorbei

Beckmann


20

Liebe Vera

Seit gestern beobachte ich Nebelschwaben, die aus meinen Abflüssen in der Toilette und der Küche kriechen. Anfangs habe ich sie nicht beachtet, doch jetzt habe ich Angst, die Fenster zu öffnen, denn es hat sich mittlerweile so viel Nebel angesammelt, daß Passanten wohl die Feuerwehr rufen würden, wenn sie ihn aus meinen Fenstern quillen sehen würden. So viel macht es mir aber auch nicht aus, denn ich sehe ja sowieso nicht so gut, und riechen tut er nicht.

Neulich gab es einen Stromausfall und meine Küchenuhr, die mit den roten Leuchtziffern, die einzige, die ich habe, ist ausgefallen, und ich kann sie nicht mehr stellen, jetzt weiß ich überhaupt nicht mehr, wie spät es ist.

Na ja, was ist schon die Zeit, wenn man auf dich wartet?

Beckmann


21

Liebe Vera

Heute ist mir eingefallen, daß es ja sein könnte, daß du mir geschrieben hast und der Brief schon lange in meinem Briefkasten liegt, also bin ich hinuntergegangen und habe nachgeschaut, doch es war keiner da. Das hat mich traurig gemacht. Weil ich schon mal unten war, bin ich gegenüber in ein Café gegangen. Ich habe eine Espresso getrunken, hab fast vergessen, wie so etwas schmeckt. Bei dem Sonnenlicht konnte ich auch wieder etwas besser sehen. Ich denke, daß ich meine Wohnung jetzt doch einmal durchlüften werde, vielleicht finde ich meine Fallen leichter. Die Bedienung hat mich an mein Bild von dir in meiner Erinnerung erinnert. Eine zarte Frau von unschuldiger Schönheit aber mit einem sündhaften Lächeln. Ich wüßte gerne, wie du wirklich aussiehst, oder zumindest, wie du damals ausgesehen hast.

Ich liebe Dich

Beckmann


22

Liebe Vera

Ich habe mein altes Röhrenradio wieder hervorgeholt und war erfreut, zu bemerken, daß es noch funktioniert. Du kannst dich doch sicherlich noch an diese Geräte erinnern, wenn man sie einschaltet, dann dauert er ersteinmal fünf Minuten, bis sie warm geworden sind, und dann kommt Musik. Ich habe einen Klassiksender gefunden, und auch einen mit moderner Musik, doch meistens stelle ich einen Sender ein, der fast nur Worte bringt. Ich habe ja nicht all zu oft Gelegenheit, Menschen beim Sprechen zuzuhören. Jetzt sitze ich oft Stundenlang vor diesem leicht leuchtenden Apparat und blicke in die Ferne hinter meiner schmutzig-grauen Wohnzimmerwand. Was die Stimmen sagen, verstehe ich nicht, doch es ist angenehm, einfach nur den Klang zu hören. Wenn ich dann zu Bett gehe, meistens graut schon der Morgen, denn schwirren mir Erinnerungen an Worte, die ich einst gekannt habe, im Kopf herum und das im Radio gehörte gewinnt an Bedeutung, doch meist wache ich dann schweißgebadet auf, habe nur kurz geschlafen, vielleicht eine Stunde, und habe sofort alles wieder vergessen. Doch der trocken-ascherne Nachgeschmack auf der Zunge bleibt, und das Wissen, daß es etwas gab, was ich wußte, und das es nicht mehr gibt. Dann setze ich mich wieder vor meine schmutzig-graue Wohnzimmerwand und schalte das Radio ein.

Kannst Du Dich an etwas erinnern?

Beckmann


23

Liebe Vera

Ich merke langsam, daß es mit mir zu Ende geht, ich werde nicht schwächer, doch meine Zeit ist nah, daran besteht kein Zweifel. Ich bin nur froh, daß ich hier auf meinen Tod warten kann, nicht in irgendeiner Anstalt, in der man nicht einmal in Frieden sterben darf. Bitte, liebe Vera, tu mir zum Abschied noch einen Gefallen: Wo auch immer ich begraben werde, geh niemals an mein Grab. Nachdem ich jetzt so lange nichts von dir gehört habe, möchte ich auch nach meinem Tod dich so in Erinnerung behalten, wie du warst, einst, an einem Sommerabend in Rom.

Beckmann

28.03.2009

Dann ging alles so schnell

"Er will nicht atmen! Mein Junge will nicht atmen!", schrie er. Kamals lebloser Körper lag im Schhoß seines Vaters. Seine geöffnete, schlaffe rechte Hand hüpfte im Rhytmus der Schluzer seines Vaters auf und ab. "Mein Junge! Er will nicht atmen! Warum hilft ihm Allah nicht, zu atmen?"
Baba kniete sich neben ihn und legte einen Arm um seine Schulter. Aber Kamals Vater schubste ihn weg, kam auf die Beine und stürzte sich auf Karim, der mit seinem Cousin in der Nähe stand. Dann ging alles so schnell, so überstürtzt, dass man es kaum als Handgemenge bezeichnen konnte. Karim stieß einen überraschten Schrei aus und taumelte zurück. Ich sah einen Arm, der ausholte, ein bein, das trat. Einen Moment später stand Kamals Vater mit Karims Pistole in der Hand da.
"Nicht schießen!", schrie Karim.
"Aber bevor irgendjemand etwas sagen konnte, steckte sich Kamals Vater den Lauf der Waffe in den eigenen Mund. Ich werde niemals das Echo des Schusses vergessen. Und das helle Aufblitzen und das umherspritzende Rot.
Ich krümmte mich und übergab mich am Straßendrand

"Drachenläufer" von Khaled Hosseini

01.03.2009

einfach nur heißen Tee

Als ich aufwachte, weinte sie still vor sich hin. Ihre schmalen Schultern zitterten unter der Decke. Ich zündete den Ofen an und sah auf die Uhr. Zwei Uhr früh. Mitten im Himmel hing ein volkommen weißer Mond.
Ich wartete, bis sie aufgehört hatte zu weinen, kochte Wasser und goss uns eine Tasse Beuteltee auf. Ohne Zucker, ohne Zitrone, ohne Milch, einfach nur heißen Tee. Ich zündete zwei Zigaretten an und gab ihr eine. Sie inhalierte tief und stieß den Rauch aus. Nach drei solchen Zügen musste sie husten.
"Hast du schon mal den Wunsch gehabt, mich umzubringen?", fragte sie.
"Dich?"
"Ja."
"Wieso fragst du?"
Sie rieb sich mit den Fingerspitzen die Augen, die Zigarette noch im Mund.
"Nur so."
"Nein, hab ich nicht.", sagte ich.
"Wirklich nicht?"
"Wirklich nicht. Warum sollte ich dich unbedingt umbringen wollen?"
"Auch wieder wahr", musste sie zugeben. "Ich dachte nur, wäre nicht schlecht, wenn mich jemand umbrächte. Wenn ich grad fest schlafe oder so."
"Ich bin doch nicht der Typ, der Leute umbringt!"
"Nicht?"
"Ich glaube nicht."
Sie lachte, drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus, trank in einem Zug den restlichen Tee und zündete sich eine neue Zigarette an.
"Ich lebe bis fünfundzwanzig", sagte sie. "Dann sterbe ich."

Sie starb im Juli 1978 mit sechsundzwanzig.

"Wilde Schafsjagd" von Haruki Murakami

28.02.2009

Achso

Lieber Gatte,

ich schreibe Dir diesen Brief, um dir mitzuteilen, dass ich Dich jetzt entgültig verlasse. Ich war Dir sieben Jahre lang eine gute Frau und habe nie etwas davon gehabt. Die letzten Wochen waren die Hölle.

Heute hat mich nun Dein Chef angerufen, um mir zu sagen, dass Du heute gekündigt hast - das war der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte.

Letzte Woche bist Du heimgekommen und hast nicht einmal bemerkt, dass ich beim Friseur und bei der Maniküre war, Dein Lieblingsessen gekocht hatte und sogar ein nagelneues Negligee anhatte. Du bist heimgekommen, hast alles in zwei Minuten herunter geschlungen und bist sofort schlafen gegangen, nachdem Du Dir noch das Spiel angeschaut hast. Du sagst mir nicht mehr, dass Du mich liebst, Du berührst mich nicht mehr, gar nichts tust Du. Entweder gehst Du fremd, oder Du liebst mich nicht mehr, wie auch immer, ich bin jetzt weg.

P.S.: Falls Du mich suchen solltest, lass es besser bleiben. Dein BRUDER und ich ziehen zusammen nach Bielefeld. Schönes Leben noch!

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DIE ANTWORT
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Liebe Exfrau,

Nichts hätte mir mehr den Tag versüßen können, wie dein Brief. Es stimmt, wir sind nun schon seit sieben Jahren verheiratet, obwohl du ja nun wirklich alles andere als eine gute Frau warst. Ich schau' mir so viel Sport im Fernsehen an, um dein ständiges Gemotze auszublenden. Schade, dass es nicht klappt. Ich habe sehr wohl gemerkt, dass du dir letzte Woche alle Haare hast abschneiden lassen; das Erste , was mir in den Sinn kam war: "Du schaust ja aus wie ein Kerl!"

Meine Mutter hat mich dazu erzogen, lieber gar nichts zu sagen, wenn man nichts Schmeichelhaftes sagen kann. Als du "mein" Lieblingsessen gekocht hast, musst du mich wohl mit meinem BRUDER verwechselt haben? Ich esse nämlich seit sieben Jahren kein Schweinefleisch mehr. Ich bin schlafen gegangen, als du das Negligee anhattest, weil das Preisschild noch dranhing. Ich hoffte, das es nur zufall war, dass mein Bruder gerade 50,- Euro von mir geborgt hatte und das Ding 49,99 gekostet hat.

Trotz alledem habe ich dich aber immer noch geliebt und gedacht, dass sich alles zum Guten wenden würde. Als ich herausfand, dass ich 10 Millionen im Lotto gewonnen habe, habe ich gekündigt und uns zwei Tickets nach Jamaika gekauft. Aber als ich zuhause ankam warst du schon weg. Warscheinlich geschieht alles aus einem bestimmten Grund. Ich hoffe für dich, dass du nun das ausgefüllte Leben lebst, das du immer haben wolltest. Mein Anwalt meint, dass du nach dem Brief, den du geschrieben hast, keinen Cent von mir siehst. Schau halt, wo du bleibst.

P.S.: Ich weiß ja nicht, ob du's wusstest, aber mein Bruder Carl war früher eine Carla. Ich hoffe das macht dir nichts aus.

Gezeichnet, Dein Ex
(Schweinereich und frei)

27.02.2009

Don Quijote


"Das ist eben der Punkt", antwortete Don Quijote, "und darin zeigt sich die ausgesuchte Galanterie meines Vorhabens. Daß ein fahrender Ritter mit Grund verrückt wird, darin ist nichts Freiwilliges, dafür gibt's keinen Dank; die rechte Probe ist ohne Anlaß wahnsinnig zu sein, damit die Geliebte denken muß: wenn das am grünen Holze geschieht, was soll's erst am dürren werden! Außerdem habe ich dazu Veranlassung genug in der langen Abwesenheit, die ich mir von meiner ewig mir gebietenden Herrin Dulciena von Toboso auferlegt habe. Hast du ja doch von dem Ambrosio, dem Schäfer von neulich, gehört: wer abwesend ist, erleidet und befürchtet jegliches Übel. Sonach, Freund Sancho, verwende keine Zeit darauf, daß du mir anratest, von einer ausbündigen, so glücklich erdachten, so unerhörten Nachahmung abzustehen. Toll bin ich und toll bleib ich, bis du mit der Antwort auf einen Brief zurückkommst, den ich meiner Herrin Dulciena durch dich zu übersenden gedenke; und wenn sie so ausfällt, wie es meine Treue verdient, dann wird es mit meinem Wahnsinn und meiner Buße zu Ende sein; und wenn sie im entgegengesetzten Sinne ausfällt, dann werde ich im Ernste toll werden und als ein solcher alsdann nichts mehr empfinden. Mithin, auf welche Weise sie auch immer antworten mag, entrinne ich den Seelenkämpfen und Nöten, worin du mich zurücklässt, und ich werde entweder bei Verstande das Glück genießen, das du mir bringst, oder in der Verrücktheit das Unheil nicht empinden, das du mir verkündest."

"Don Quijote von Miguel de Cervantes

24.02.2009

ein melancholisches Genie

Jerry redete und ich hörte zu. Allmählich erfuhr ich immer mehr über sein Leben während er, wie man gefahrlos sagen kann, immer weniger über meines erfuhr. Dank meiner angeborenen Zurückhaltung hatte er mit meiner Persönlichkeit freie Hand. Er konnte aus mir so ziemlich alles machen, was er wollte, und bald wurde mir schmerzlich klar, dass er in mir hauptsächlich ein niedliches Tier sah, närrisch und ein bisschen dumm, so was wie einen sehr kleinen Hund mit vorstehenden Zähnen. Er hatte nicht die leiseste Ahnung von meinem Chrakater, davon, dass ich eigentlich äußerst zynisch war, einigermaßen niederträchtig und ein melancholisches Genie oder dass ich mehr Bücher gelesen hatte als er. Ich liebte Jerry, befürchtete aber, dass seine Liebe nicht mir galt, sonder einem Fantasiegebilde. Mit der Liebe zu Fantasiegebilden kannte ich mich aus. Und in meinem Herzen wusste ich stets, dass er bei unseren gemeinsamen Abenden, wenn er trank und erzählte, in Wirklichkeit Selbstgespräche führte.
Höre ich da ein Glucksen? Sie glauben wohl, Sie hätten mich durchschaut. Ich weiß, ich weiß, was ich weiter vorne gesagt habe - wo ich meine Liebe zu Rissen, mein fast pathologisches Bedürfnis nach Verstecken, meine Vorliebe für Masken eingestand, bezeugte und mit meiner perversen Art sogar damit prahlte. Warum also, fragen Sie, beschwere ich ,ich jetzt, wo mir eine neue Gelegenheit zum Verbergen geboten wird, die goldene Chance schlechthin, mich in den undurchdringlichen Deckmantel des Kuscheltiers zu hüllen?
Tja, ich will es Ihnen verraten: [...]

"Firmin - Ein Rattenleben" von Sam Savage

22.02.2009

Zeit bedeutet nichts

"Das Zimmer war weiß gestrichen und hell erleuchtet von der Morgensonne. Am Fenster saß mit dem Rücken zu mir eine Frau, sie trug eine korallenrote Strickjacke, ihre langen weißen Haare hingen ihr lose über den Rücken. Auf einem Tisch neben ihr stand eine Tasse Tee. Warscheinlich machte ich ein Geräusch oder sie spürte mich hinter sich, jedenfalls drehte sie sich zu mir um und sah mich, und ich sah sie und das warst du, Clare, das warst du als alte Frau, in der Zukunft. Es war wunderschön, Clare, unbeschreiblich schön, so gleichsam aus dem Tod zu kommen und dich zu umarmen und die vielen Jahre deutlich in deinem Gesicht zu sehen. Ich will dir nicht mehr erzählen, damit du es dir vorstellen, damit du es spontan erleben kannst, wenn die Zeit kommt und sie wird kommen, ganz bestimmt. Wir werden uns wiedersehen, Clare. Bis dahin lebe dein Leben, sei in der Welt, die so schön ist.
Nun ist es dunkel und ich bin sehr müde. Ich liebe dich, auf immer und ewig. Zeit bedeutet nichts."

"Die Frau des Zeitreisenden" von Audrey Niffenegger

sterben

Am 11. November 1997 entschied Veronika, jetzt sei es - endlich - an der Zeit, sich das Leben zu nehmen. Sie machte ihr Zimmer sauber, das sie in einem Kloster gemietet hatte, stellte die Heizung ab, putzte die Zähne und legte sich ins Bett.[...]
Veronika hatte fast sechs Monate gebraucht, um sich die Tabletten zu besorgen. Sie hatte schon geglaubt, es nie zu schaffen, schon überlegt, sich die Pulsadern aufzuschneiden.

"Veronika beschließt zu sterben" von Paulo Coelho

Sie protestierte allerdings nicht

"Eleanor also - die damals noch nicht trank, bloß sehr schüchtern und nervös war - hatte gerade das Haus in Lacoste gekauft und sie beschwerte sich bei David, was für eine furchtbare Verschwendung es sei, dass die einfach vom Baum fielen und auf der Terrasse verrotteten. Am nächsten Tag, als wir alle draußen saßen, fing sie wieder davon an. Ich sah, wie Davids Gesicht kalt wurde. Er streckte die Unterlippe vor - das ist immer ein schlechtes Zeichen, halb brutal und halb eingeschnappt - und sagte: Kommt mit. Es kam mir vor, als müssten wir dem Schuldirektor in sein Büro folgen. Er marschierte mit großen Schritten auf den Feigenbaum zu, Eleanor und ich stolperten hinterher. Als wir hinkamen, sah man überall auf den Steinplatten Feigen verteilt. Manche waren schon alt und zerquetscht, andere waren gerade aufgebrochen und Wespen tanzten um die Wunde oder knabberten am klebrigen rotweißen Fruchtfleisch. Es war ein riesengroßer Bau, und es lagen viele Feigen am Boden. Und dann tat David etwas höchst Erstaunliches. Er befahl Eleanor, such auf alle viere niederzulassen und alle Feigen von der Terrasse zu essen."
"Was, vor deinen Augen?", fragte Bridget mit großen Augen.
"Ganz recht. Eleanor sah auch ziemlich verwirrt aus und - verraten ist wohl das richtige Wort. Sie protestierte allerdings nicht, sondern machte sich an ihre unappetitliche Aufgabe. Und David erlaubte ihr nicht eine einzige auszulassen. Einmal sah sie flehentlich zu ihm auf und sagte: Jetzt habe ich genug gegessen, David, aber er stellte ihr den Fuß in den Nacken und antwortete: Schön ausessen. Wir wollen doch nicht, dass etwas verkommt oder?"
"Ab-artig", sagte Bridget.

"Schöne Verhältnisse" von Edward St Aubyn

Seien Sie still!

"Das haben Sie ja fein gemacht", sagte er mit tonloser Stimme. "Er hätte Sie auch verlassen."
"Seien Sie still", sagte sie.
"Natürlich ist es ein Unfall", sagte er. "Das weiß ich"
"Seine Sie still", sagte sie.
"Machen Sie sich kene Sorgen., sagte er. "Es wird ein gewisses Maß an Unannehmlichkeiten geben, aber ich werde ein paar Aufnahmen machen lasse, die beim Verhör nützlich sein werden. Dann haben wir ja auch noch die Zeugenaussagen der Gewehr und des Fahrers. Es passiert Ihnen nicht."
"Seien Sie still", sagte sie.
"Gibt eine verdammte Menge zu erledigen", sagte er.
"Ich muß einen Lastwagen zum See schicken, um nach einem Flugzeug zu funken, das uns drei nach Nairobi bringen kann. Warum haben Sie ihn nicht vergiftet? So macht man's in England."
"Seien Sie still. Seien Sie still. Seien Sie still!", schrie die Frau.
Wilson sah sie mit seinen flachen blauen Augen an.
"Jetzt bin ich fertig", sagte er. "Ich war ein bißchen ärgerlich. Ich fing gerade an, Ihren Mann gern zu haben."
"Ach bitte, seien Sie still.", sagte sie. "Bitte, bitte, seien Sie still."
"So ist's besser", sagte Wilson. "Bitte ist viel besser. Jetzt werde ich still sein."

"Schnee auf dem Kilimandscharo" von Ernest Hemingway