23.10.2016

Heiligtümer des Todes

Es waren einmal drei Brüder, die wanderten auf einer einsamen, gewundenen Straße in der Abenddämmerung dahin. Nach einiger Zeit kamen die drei Brüder zu einem Fluss, der war so tief, dass nicht hindurchwaten konnten, und so gefährlich, dass sie nicht ans andere Ufer schwimmen konnten. Doch die Brüder waren der magischen Künste kundig, und so schwangen sie einfach ihre Zauberstäbe und ließen eine Brücke über dem tückischen Wasser erscheinen. Sie hatten die Brücke halb überquert, da trat ihnen eine Kapuzengestalt in den Weg.
Und der Tod sprach zu ihnen. Er war zornig, weil er um drei neue Opfer betrogen worden war, denn für gewöhnlich ertranken Wandersleute in dem Fluss. Doch der Tod war gerissen. Er tat, als würde er den drei Brüdern zu ihrer Zauberkunst gratulieren, und sagte, weil sie so klug gewesen seien, ihm zu entrinnen, verdiene jeder von ihnen einen Lohn.

So verlangte denn der älteste Bruder, der ein kämpferischer Mann war, einen Zauberstab, der mächtiger als alle anderen sein sollte: einen Zauberstab, der seinem Besitzer in jedem Duell zum Sieg verhelfen würde, einen Zauberstab, der eines Zauberers würdig war, der den Tod besiegt hatte! Also ging der Tod zu einem Elderbaum am Ufer des Flusses, formte einen Zauberstab aus einem Zweig, der dort hing, und schenkte ihn dem ältesten Bruder.

Dann beschloss der zweite Bruder, der ein hochmütiger Mann war, den Tod noch mehr zu demütigen, und verlangte nach der Macht, andere aus dem Tod zurückzurufen. Also nahm der Tod einen Stein vom Flussufer und schenkte ihm dem zweiten Bruder, und er sagte ihm, dass der Stein die Macht haben werde, die Toten zurückzuholen.

Und dann fragte der Tod den dritten und jüngsten Bruder nach seinem Wunsch. Der jüngste Bruder war der genügsamste und auch der weiseste der Brüder, und er traute dem Tod nicht. Also bat er um etwas, dass es ihm ermöglichen würde, von dannen zu gehen, ohne dass der Tod ihn verfolgte. Und der Tod übergab ihm, höchst widerwillig, seinen eigenen Umhang, der unsichtbar machte.
Nun trat der Tod beiseite und erlaubte den drei Brüdern, ihre Reise fortzusetzen, und dies taten sie und sprachen voller Staunen über das Abenteuer, das sie erlebt hatten und bewunderten die Geschenke des Todes.
Bald darauf trennten sich die Brüder und ein jeder ging seines Weges.
Der erste Bruder war über eine Woche auf Wanderschaft, als er in ein fernes Dorf gelangte, wo er sich einen anderen Zauberer suchte, mit dem er einen Streit begann. Natürlich konnte er mit dem Elderstab als Waffe in dem Duell, das darauf folgte, nur gewinnen. Der älteste Bruder ließ seinen Gegner tot auf der Erde liegen und begab sich in ein Wirtshaus, wo er lautstark mit dem mächtigen Zauberstab prahlte, den er dem Tod selbst entrissen habe und der ihn unbesiegbar mache.
Noch in derselben Nacht schlich sich ein anderer Zauberer an den ältesten Bruder heran, der trunken vom Wein auf seinem Bett lag. Der Dieb nahm den Zauberstab und schnitt dem Bruder obendrein die Kehle durch.
Und so machte der Tod sich den ersten Bruder zu eigen.

Unterdessen wanderte der zweite Bruder nach Hause, wo er allein lebte. Hier nahm er den Stein hervor, der die Macht hatte, die Toten zurückzurufen, und drehte ihn drei Mal in der Hand. Zu seiner Verwunderung und Freude erschien vor ihm sogleich die Gestalt jenes Mädchens, das er einst hatte heiraten wollen, ehe sie vorzeitig gestorben war.
Doch sie war stumm und kühl, wie durch einen Schleier von ihm getrennt. Obgleich sie in die Welt der Sterblichen zurückgekehrt war, gehörte sie in Wahrheit nicht dorthin und litt. Schließlich wurde der zweite Bruder wahnsinnig vor unerfüllbarer Sehnsucht, und er tötete sich, um wirklich bei ihr zu sein.
Und so machte der Tod sich den zweiten Bruder zu eigen.

Doch obwohl der Tod viele Jahre lang nach dem dritten Bruder suchte, konnte er ihn niemals finden. Erst als der jüngste Bruder ein hohes Alter erreicht hatte, legte er schließlich den Umhang ab, der unsichtbar machte, und schenkte ihn seinem Sohn. Und dann hieß er den Tod als alten Freund willkommen und ging freudig mit ihm, und ebenbürtig verließen sie dieses Leben.

"Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" - J.K. Rowling - Band 7

Es

Ein Gespräch zwischen Jiddu Krishnamurti und David Bohm

K: Gibt es also etwas jenseits der kosmischen Ordnung, jenseits des Geistes?
DB: Sagen Sie damit, dass das Universum, dass jener Geist die Natur geschaffen hat, die geordnet ist und nicht bloß mechanisch abläuft? Dass sie einen tieferen Sinn hat?
K: Das ist es, was wir zu entdecken versuchen.
DB: Sie führen das ganze Universum an und auch die Menschheit. Warum tun Sie das? Was ist die Quelle dieser Wahrnehmung?
K: Wir wollen noch einmal anfangen: Da ist das Ende des ›Ich‹ als Zeit, und deshalb kommt es zu keinem Hoffen. Das alles hat aufgehört, ist vorbei. Wenn das aufhört, entsteht diese Empfindung des ›Nichts‹. Und ›Nichts‹ – das ist dieses ganze Universum.
DB: Ja, der Universalgeist, die Universalmaterie.
K: Das ganze Universum.
(Pause)
DB: Was hat Sie dazu gebracht, das zu sagen?
K: Nun, ich weiß. Um es ganz einfach zu sagen: Die Teilung und Trennung hat aufgehört. Nicht wahr? Die Teilung, die durch die Zeit hervorgerufen wird, die vom Denken geschaffen wird, die durch diese Erziehung entsteht und so weiter – das alles. Weil das aufhört, wird das andere offenbar.
DB: Sie meinen, ohne die Teilung und Trennung ist das andere da – kann es wahrgenommen werden?
K: Es kann nicht wahrgenommen werden – aber es ist da. 
DB: Aber wie wird man dessen gewahr, dass es da ist? 
K: Ich denke nicht, dass man dessen gewahr wird.
DB: Was hat Sie dann dazu veranlasst, das zu sagen? 
K: Würden Sie sagen, dass es ist? Nicht, dass ich es wahrnehme oder dass es wahrgenommen wird.
DB: Ja, es ist.
K: Es ist.
DB: Sie könnten fast sagen, dass Es dieses sagt. Irgendwie scheinen Sie anzudeuten, dass Es das ist, was es sagt.
K: Ja, ich wollte das nicht aussprechen – es freut mich, dass Sie es so gesagt haben! 

Zweites Gespräch, Teil 3
Vom Werden zum Sein - Gespräche mit David Bohm und Jiddu Krishnamurti
("Es" siehe "Zen in der Kunst des Bogenschießens")

13.09.2016

Atmung

Der Meister sagte einmal:

Das Einatmen ist Anfang, dieser bindet und verbindet.
Im Festhalten des Atems geschieht alles Rechte.
Das Ausatmen löst und vollendet, indem es alle Beschränkung überwindet.

Es ist wie das geistige spannen eines Bogens, das inne halten und das lösen. Mit dieser Atmung entdecken Sie nicht nur den Ursprung aller geistigen Kraft, sondern erreichen auch, dass diese Quelle immer reichlicher fließt und um so leichter sich durch die ihre Gliedmaßen ergießt, je gelockerter Sie sind.

Aber das konnten wir damals noch nicht verstehen.

"Zen in der Kunst des Bogenschießens" - Eugen Herrigel

15.10.2015

Selbsterfüllende Prophezeiungen


Ihr Horoskop in der heutigen Zeitung warnt Sie vor der Möglichkeit eines Unfalls. Tatsächlich passiert etwas. Also hat es mit der Astrologie doch seine Bewandtnis. Oder? Sind Sie sicher, dass Sie den Unfall auch dann gehabt hätten, wenn Sie das Horoskop nicht gelesen hätten? 

Selbsterfüllende Prophezeiungen haben einen geradezu magischen wirklichkeitsschaffenden Effekt und sind daher für unser Thema sehr wichtig. Und sie haben ihren Stammplatz nicht nur im Repertoire jedes Unglücklichkeitsaspiranten, sondern auch im größeren gesellschaftlichen Rahmen.
Wird zum Beispiel einer Minderheit der Zugang zu bestimmten Erwerbsquellen deswegen verwehrt, weil diese Menschen nach Ansicht der Mehrheit faul, geldgierig und vor allem volksfremd sind, so werden sie dazu gezwungen, sich als Trödler, Schmuggler, Pfandleiher und dergleichen zu betätigen, was die abschätzige Meinung der Mehrheit "klar" bestätigt. Je mehr Stopzeichen die Polizei aufstellt, desto mehr Fahrer werden zu Verkehrssündern, was die Aufstellung weiterer Stopzeichen "notwendig" macht. Je mehr eine Nation sich vom Nachbarn bedroht fühlt, desto mehr wird die Nachbarnation ihre eigene Aufrüstung für das Gebot der Stunde halten. Der Ausbruch eines Krieges ist dann nur noch eine Frage der Zeit.
Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum Ereignis der Prophezeiung. Vorraussetzung ist nur, dass man sich selbst etwas prophezeit oder prophezeien lässt, und dass man es für eine unabhängig von einem selbst bestehende oder unmittelbar bevorstehende Tatsache hält. Auf diese Weise kommt man genau dort an, wo man nicht ankommen wollte.

Anleitung zum Unglücklichsein - Paul Watzlawick

Mütterliche Liebe





Das gelobte Land wird beschrieben als ein Land in dem Milch und Honig fließen. Die Milch ist das Symbol des ersten Aspekts der Liebe, dem der Fürsorge und Bestätigung. Der Honig, symbolisiert die Süßigkeit des Lebens, die Liebe zum Leben und das Glück zu leben. Die meisten Menschen sind fähig, "Milch" zu geben, aber nur eine Minderzahl unter ihnen kann auch "Honig" spenden. Um Honig spenden zu können, muss die Mutter nicht nur eine "Gute Mutter" sein, sie muss auch ein glücklicher Mensch sein - ein Ziel, das nur wenige erreichen. Die Wirkung auf das Kind kann man kaum zu hoch einschätzen. Die Liebe der Mutter zum Leben ist ebenso ansteckend wie ihre Angst. Tatsächlich kann man bei Kindern und bei Erwachsenen jene, welche nur "Milch" bekommen haben, deutlich von denen unterscheiden, die "Milch und Honig" erhielten.

Die Kunst des Liebens - Erich Fromm

04.09.2015

Der Tod im Meer

Ich schau in Dich,
in deinem Gesicht find ich mich
als Mensch,
nun bist Du tot,
vergraben in den Untergrund des Meeres.

Ich bin am Leben, trauere,
klage über Deinen Tod
als Mensch
Du wolltest wie ich leben, in Freiheit.

Die Hoffnung,
eine Zukunft für Deine Kinder zu bauen,
hat Dich mit den Wellen getrieben,
als Leiche nach Europa.

Hıdır Eren Çelik

29.08.2015

Abtreibung

Der Professor, ein sehr gescheiter Herr,
sagte den Studenten, er bitte sie sehr,
ihm nun ihr Vertrauen zu schenken
und mitzuteilen, wie sie darüber denken:

Da sei ein Mann, syphiliskrank, ganz klar.
Das sagte er sachlich, ohne Kommentar.
Dazu eine Mutter, die an TBC leide,
allso schwer krank seien sie alle beide.

Krank seien die Kinder leider ebenso.
Der Tod eines Kindes mache auch nicht froh.
Die andern seien TBC-krank, taub und blind.
Schwanger sei die Frau mit dem fünften Kind.

Abzutreiben, seien die Eltern einverstanden.-
Nun, was meint Ihr, meine Probanden?
Die meisten waren sich ganz im Klaren,
daß man unbedingt so sollte verfahren.

Ja, der Abbruch muß unbedingt passieren!
Der Professor: "Da muß ich gratulieren!
Ermordet haben Sie Beethoven, das Genie!"
Und diesen Satz vergaßen sie nie.

Irmgard Adomeit

07.05.2015

Mannomann

Hör schon auf.
Machen Punkt.
Du bist doch fertig, Mann, und nur noch läufig.

Sag nochmal: Wird gemacht.
Drück nochmal Knöpfchen und lass sie tanzen die Puppen.
Zeig nochmal deinen Willen und seine Brüche.
Hau nochmal auf den Tisch, sag: Das ist meiner.
Zähl nochmal auf, wie oft du und wessen.
Sei nochmal hart, damit es sich einprägt.
Beweise dir noch einmal deine große, bewiesene,
deine allumfassende Fürundfürsorge.

Mannomann.
Da stehst du nun und im Anzug da.
Männer weinen nicht, Mann.
Deine Träume, die typisch männlich waren, sind alle gefilmt.
Deine Siege datiert und in Reihe gebracht.
Dein Fortschritt eingeholt und vermessen.
Deine Trauer und ihre Darsteller ermüden den Spielplan.
Zu oft variiert deine Witze; Sender Eriwan schweigt.
Leistungsstark (immer noch) hebt deine Macht sich auf.

Mannomann.
Sag nochmal ich.
Denk nochmal scharf.
Blick nochmal durch.
Hab nochmal recht.
Schweig nochmal tief.
Steh oder fall noch ein einziges Mal.

Du musst nicht aufräumen, Mann; lass alles liegen.
Du bist nach deinen Gesetzen verbraucht,
entlassen aus deiner Geschichte.
Und nur das Streichelkind in dir
Darf noch ein Weilchen mit Bauklötzen spielen. -
Was, Mannomann, wird deine Frau dazu sagen?

Günter Grass

20.04.2015

what will may

Lovely Mild

How come that we met
Far away, yet close to me

To leave you is like a threat
Every day, my sun is she

The brightest sunset
It will stay, your smile to see

I am in your debt
End of grey, traveling free

My journey is set
It will may, with you to be

Thanku

18.04.2015

Was mich zu dir so heftig zog

Was mich zu dir so heftig zog
War nicht der Augen Allgewalt,
Der Schimmer nicht des goldnen Haar's
Und nicht die schlanke Huldgestalt.

Was mich zu dir so mächtig zog,
War deiner Stimme trüber Klang,
Der mir wie Nachtigallensang
Ins Herz, ins lebensmüde, drang.

Die Blässe deiner Wangen war's
Und deine Träne, die verriet,
Dass deine Seele tiefgeheim
Ein namenloses Weh durchzieht.

Maximilian Bern