11.02.2014
Mein Pfad ist trüb
Die längst verschollne Lust vergangner Tage
Drückt wie ein Kopfweh mich nach einem Trinkgelage.
Doch meines Herzens Gram dem Weine gleicht,
Der, wie er altert, auch an Stärke steigt.
Mein Pfad ist trüb. Vom grauenvollen Meer
Der Zukunft dröhn Gefahr und Leiden her.
Doch ich will, Freunde, von der Welt nicht scheiden!
Will leben, um zu denken und zu leiden.
Ich weiß, daß zwischen Sorgen, Sturm und Wehen
Auch Lust und Freude mir noch auferstehen.
Ich werde Kunst und Leben neu genießen,
Noch Thränen der Begeisterung vergießen,
Und einst auf meines Grabes trüber Nacht
Vielleicht der Liebe Lebewohl mir lacht.
Alexander Puschkin
Aus dem Russischen von Friedrich Martin Bodenstedt
Alexander Sergejewitsch Puschkin (* 26. in Moskau; † 29. Januar in Sankt Petersburg durch einen Bauchschuss) gilt als russischer Nationaldichter und Begründer der modernen russischen Literatur. Bis zum Einmarsch Napoleons in Moskau 1812 sprach die russische Oberschicht Französisch. Nach dem darauf folgenden Brand Moskaus fragte man sich, warum man eigentlich die Sprache des Feindes spreche. Puschkin bereitete in seinen Gedichten, Dramen und Erzählungen der Verwendung der Umgangssprache den Weg.
01.02.2014
16.01.2014
das erste Mal machte
Da war noch ein Fixer auf der Toilette, völlig runtergekommen. Ich fragte ihn, ob er mir sein Besteck ausleihen könne. Der machte das. Jetzt hatte ich aber doch urischen Horror, mir die Nadel in die Vene an der Armbeuge reinzuhauen. Ich setzte an und schaffte es einfach nicht, obwohl ich es ja bei anderen schon oft gesehen hatte. Detlef und Tina taten so, als ginge sie das überhaupt nichts an. Ich mußte also den kaputten Typen bitten, mir zu helfen. Der wußte natürlich sofort, dass ich es das erste Mal machte. Ich kam mir ziemlich blöde gegenüber diesem alten Fixer vor.
Er sagte, er fände das Scheiße, nahm aber dann die Spritze. Da meine Venen kaum zu sehen sind, hatte er Schwierigkeiten, eine Ader zu treffen. Er mußte die Nadel dreimal reinhauen, bis er ein bißchen Blut in die Kanüle hochzog und wußte, daß er in der Vene war. Er murmelte immer wieder, daß er das Scheiße fände und knallte mir das ganze Viertel rein.
Es kam wirklich wie ein Hammer. Aber einen richtigen sexuellen Höhepunkt hatte ich mir schon anders vorgestellt. Ich war gleich danach total abgestumpft. Ich nahm kaum noch etwas wahr und dachte nichts mehr.
Die Kinder vom Bahnhof Zoo - Christiane F.
24.11.2013
Wo ist sie?
nicht auf, ihr zu helfen: es war schön anzusehen, wie sie sich mit den Händen auf den Rücken griff, ihre weiße Haut, das dunkle Haar und das dunkelgrüne Kleid; ich war auch froh zu sehen, daß sie nicht nervös wurde; sie kam schließlich ans Bett und ich richtete mich auf und zog den Reißverschluß zu. Ich fragte sie, warum sie denn so schrecklich früh aufstehe, und sie sagte, ihr Vater schliefe erst gegen morgen richtig und würde bis neun im Bett bleiben und sie müsse die Zeitungen unten reinnehmen und den Laden aufmachen, denn manchmal kämen die Schulkinder schon vor der Messe, um Hefte zu kaufen, Bleistifte, Bonbons und: "Außerdem", sagte sie, "Ist es besser, wenn du um halb acht aus dem Haus bist. Ich mache jetzt Kaffee und in fünf Minuten kommst du leise in die Küche runter. Ich kam mir fast verheiratet vor, als ich in die Küche runterkam, Marie mir Kaffee einschenkte und mir ein Brötchen zurechtmachte.[...]
Es fiel mir schwer, von ihr wegzugehen, sie brachte mich bis zur Ladentür und ich küsste sie in der offenen Tür, daß Schmitz und seine Frau drüben es sehen konnten. Sie glotzten herüber wie Fische, die plötzlich überrascht entdecken, daß sie den Angelhaken schon lange verschluckt haben.[...]
Als ihr Vater hereinkam, hatte ich mich gerade gesetzt, ich stand sofort auf. Er war so verlegen wie ich, auch so schüchtern, er sah nicht böse aus, nur sehr ernst und als er die Hand zur Kaffeekanne austreckte, zuckte ich zusammen, nicht viel, aber merklich. Er schüttelte den Kopf, goß sich ein, hielt mit die Kanne hin, ich sagte danke, er sah mich immer noch nicht an. In der Nacht oben in Maries Bett, als ich über alles nachdachte, hatte ich mich sehr sicher gefühlt. Wie er nun aber da stand, über den Tisch gebeugt, mit der großen Glatze und dem grauen Haarkranz, kam er mir sehr alt vor. Ich sagte leise: "Herr Derkum, Sie haben ein Recht", aber er schlug mit der Hand auf den Tisch, sah mich endlich an, über seine Brille hinweg und sagte: "Verflucht, mußte das sein - und gleich so, daß die ganze Nachbarschaft dran teilhat? Ich war froh, daß er nicht enttäuscht war und von Ehre anfing. "Mußte das wirklich sein - du weißt doch, wie wir uns krummgelegt haben und jetzt", er schloß die Hand, öffnete sie, als wenn er einen Vogel freiließe, "nichts" - "Wo ist Marie?" fragte ich. "Weg", sagte er, "nach Köln gefahren." - "Wo ist sie?" rief ich, "wo?" - "Nur die Ruhe", sagte er, "das wirst du schon erfahren. Ich nehme an, daß du jetzt von Liebe, Heirat und so weiter anfangen willst - spar dir das - los, geh. Ich bin gespannt, was aus dir wird. Geh." Ich hatte Angst, an ihm vorbeizugehen. Ich sagte: "Und die Adresse?" - "Hier", sagte er und schob mir einen Zettel über den Tisch. "Sonst noch was", schrie er, "sonst noch was? Worauf wartest du noch?" - "Ich brauche Geld", sagte ich und ich war froh, daß er plötzlich lachte, es war ein merkwürdiges Lachen, hart und böse, wie ich es erst einmal von ihm gehört hatte, als wir über meinen Vater sprachen.
Er dachte ich wäre beleidigt, aber ich verstand ihn sehr gut. Ich sagte noch: "Schenken Sie mir noch eine Schachtel Zigaretten", und er griff sofort hinter sich ins Regal und gab mir zwei Schachteln. Er weinte. Ich beugte mich über die Theke und küßte ihn auf die Wange. Er ist der einzige Mann, den ich je geküßt habe.
"Ansichten eines Clowns" - Heinrich Böll
24.10.2013
das Trolley-Problem
Szenario 1:
Georg befindet sich auf einer Fußgängerbrücke. Er kennt sich mit Straßenbahnen aus und er kann sehen, dass die Straßenbahn, die sich der Brücke nähert außer Kontrolle geraten ist. Auf dem Gleis hinter der Brücke sind fünf Personen; die Böschung ist sehr steil und sie werden nicht die Möglichkeit haben, das Gleis rechtzeitig zu verlassen. Georg weiß, die einzige Möglichkeit, die außer Kontrolle geratene Straßenbahn zu stoppen, ist, ihr ein sehr schweres Gewicht in den Weg zu werfen. Aber das einzig verfügbare, ausreichend schwere Gewicht ist ein dicker Mann, der auch auf der Fußgängerbrücke die Straßenbahn beobachtet. Georg kann den dicken Mann auf das Gleis der Straßenbahn stoßen und ihn dadurch töten; oder er kann es unterlassen, die Straßenbahn aufzuhalten und dadurch fünf Personen sterben lassen.
Eduard ist der Fahrer einer Straßenbahn, deren Bremsen gerade versagt haben. Auf dem Gleis geradeaus vor ihm sind fünf Personen; die Böschung ist so steil, sodass sie keine Möglichkeit haben, rechtzeitig das Gleis zu verlassen. Das Gleis hat nach rechts eine Abzweigung und Eduard kann die Straßenbahn dorthin lenken. Unglücklicherweise befindet sich eine Person auf diesem rechten Gleis. Eduard kann die Straßenbahn umlenken und damit die eine Person töten; oder er kann es unterlassen, die Straßenbahn umzulenken und dadurch die fünf Personen töten...
Szenario 2:
von Philippa Foot und Judith Jarvis Thomson - das Trolley-Problem
"Philosophische Gedankenexperimente"
14.10.2013
Es waren diese Tage
In welchen Zug er sich setzen sollte, wusste er nicht. Er wollte bloß allein sein, doch er wollte nicht bloß allein sein. Er wollte nichts tun, zugleich sehnte er sich danach, etwas Großes zu tun. Am liebsten hätte er sich zweigeteilt und als der eine Jonas zugesehen, wie der andere als leuchtender Stern am Himmel explodierte. Als er am Schalter die Fahrkarte kaufte, merkte er, wie dasselbe Gefühl in ihm aufstieg, das er damals im Garten empfunden hatte, die Flasche mit dem Olivenöl in der Hand. Er suchte sich ein freies Abteil und war sich bewusst, dass das, was er zu tun im Begriff war, wenig Sinn hatte und gerade dadurch Freiheit bedeutete. Auch wenn er nicht verstand, wie das eine mit dem anderen genau zusammenhing. In Kiel bat er einen alten Taxifahrer, ihn zur billigsten Herberge der Stadt zu bringen. Der Rezeptionist schwitzte stark, roch nach Alkohol, hatte schmutzige Fingernägel und fettige Haut. Das Zimmer war weniger schäbig als erwartet, zumindest war es nicht schmutzig. Dafür entdeckte er an der Nachttischlampe ein kaputtes Kabel mit einem blanken Draht. Die Einrichtiung war dunkel und trist. Jonas öffnete das kleine Fenster und legte sich aufs Bett.
Hier war er nun.
Überall könnte er sein. Er hatte genug Geld in der Tasche, er könnte in einem Nobelhotel in den Schweizer Alpen sitzen und den großen Mann spielen, er könnte mit seinem gefälschten Ausweis in einer New Yorker Bar versuchen, einen Drink zu bekommen, er könnte in London spazieren gehen, er könnte bei seiner schönen Freundin Vera sein und sich das Surfen beibringen lassen, ja vielleicht sollte er das sogar, er könnte auch einfach zu Hause sein, wo alles behaglich und vertraut war, doch er lag hier, auf einem Bett, auf dem weiß Gott wer alles gelegen war, in einem Zimmer, das wirkte, als kämen hierher Menschen zum sterben und vielleicht waren hier tatsächlich Menschen gestorben, er musste den Rezeptionisten fragen, er lag in einem Bett, in einer Stadt, die er nicht kannte und die ihn nicht interessierte, er befand sich in einer Situation, die ihn maßlos fesselte.
Die nächsten drei Tage glichen den ersten. Die meiste Zeit zwang sich Jonas, das Zimmer nicht zu verlassen und genoss die absurde Befriedigung, die er aus dem Bewusstsein zog, eigene Befehle zu befolgen. Dann und wann verließ er das Haus, um sich die Stadt anzusehen und am Hafen zu sitzen. Er fuhr zu der Schule, in die Vera gegangen war, und besuchte andere Plätze, von denen sie ihm erzählt hatte. Überall machte er Fotos mit dem Fotoapparat, den er sich während eines Zwischenhalts gekauft hatte.
Liebe ist: den leuchtenden Punkt der Seele des anderen zu erkennen und anzunehmen und in die Arme zu schließe, vielleicht gar über sich selbst hinaus.
-
Es waren diese Tage, in denen er vieles begriff. Er würde nie ein erfülltes Leben führen können, wenn er nicht versuchte, es einer Sache zu widmen, die größer war als er. Es mochte etwas sein, was er jetzt noch nicht kannte und nicht verstand - sein Leben sollte nicht beschränkt sein auf Inhalte, die den Menschen in Ketten legte und es sollte nie bestimmt werden von Angst, diesem Monster. Freiheit indes, er fühlte es so stark wie nie, war das höchste Gut. Physische, geistige, seelische Freiheit.- Kostbarer als Gesundheit. Wertvoller als Glück. Wichtiger als das Leben selbst.
"Das größere Wunder" - Thomas Glavinic
07.10.2013
kapitalistischer Zombie
Interview mit Michael Hardt, lehrender Philosoph und bekennender Marxist an der Duke University USA
Dennoch: Trotz aller Empörung gibt es keine Mehrheit gegen den Kapitalismus. Warum ist er nicht totzukriegen?
Interview: Oskar Piegsa
Die Zeit: Campus, Ausgabe Nr 4 2013
Sie schreiben, dass der Geist der Revolte wie eine Fackel von Tunesien nach Ägypten und von dort nach Europa und in die USA gereicht worden sei. In Tunesien und Ägypten regieren heute Islamisten und Militärs, Spanien und Griechenland haben weiterhin große wirtschaftliche Probleme, und der Zucotti Park in New York ist nur och ein leerer Platz nahe der Wall Street. Man könnte sagen: Überall, wo die Fackel brannte, blieb nur Asche zurück.
Gute Metapher, aber lassen Sie uns eine andere probieren: 1851 blicke Karl Marx auf ein halbes Jahrhundert revolutionärer Aufbrüche in Frankreich zurück. Er sah lauter vertane Chancen: Die Revolution von 1789 endete mit Napoleon, so schlimm ist es heute nicht mal in Tunesien. 1830 scheiterte die Junirevolution, 1848 die Februarrevolution . Marx war nicht frustriert, sondern beschrieb den revolutionären Prozess als einen Maulwurf. Alle paar Jahre steckt er seinen Kopf aus dem Boden. Doch wenn ihn nicht sieht, ist er nicht weg: Unter der Erde gräbt er sich vorwärts und taucht an immer neuen Stellen auf.
Ich halte ihn eher für untot, wie ein Zombie: Der Kapitalismus ist intellektuell erledigt, aber er läuft noch durch die Gegend und richtet Schaden an. Wir wissen um seine Unzulänglichkeiten, sind aber unfähig, uns etwas Besseres vorzustellen. Fredric Jameson schrieb, es falle uns heute leichter, uns das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende unseres Wirtschaftssystems. Da ist was dran.
Was ist eigentlich das Ziel für Sie, eine Welt ganz ohne Privateigentum?
Nein, das wäre vielleicht ein Mittel, aber kein Ziel. Das Ziel einer revolutionären Veränderung ist eine Gesellschaft, die uns allen besser ermöglicht, unsere Potenziale zu entfalten. Für viele Menschen besteht heute keine Möglichkeit, zu tun, wozu sie in der Lage wären. Seiner Fähigkeiten beraubt zu sein ist brutal und betrifft oft junge Leute, für die es keine Arbeit und keine Mitbestimmung gibt.
Interview: Oskar Piegsa
Die Zeit: Campus, Ausgabe Nr 4 2013
23.09.2013
17.09.2013
Sie sollen sein wie Che
Fidel Castro und Ernesto "Che" Guevara in der Gefängniszelle
in Mexiko; vermutlich das erste Photo, auf dem beide
gemeinsam abgebildet sind.
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"Es war eine Art ideale Vision des sozialistischen Menschen, dem materielles Gewinndenken völlig fremd geworden war, der für die Gesellschaft und nicht für Gewinn arbeitete. Die Erfolge der sowjetischen Industrie betrachtete er sehr kritisch, denn dort, so sagte er, arbeitet jeder und bemüht sich, seine Norm überzuerfüllen, aber nur um mehr Geld zu verdienen. Er fand, der sowjetische Mensch sei kein neuer Mensch, denn er unterscheide sich im Grunde nicht von den Yankees. Er weigerte sich, bewußt an der Schaffung einer zweiten amerikanischen Gesellschaft in Kuba mitzuwirken.", schreibt Dumont. Er hatte den Eindruck, Che wollte beim
sozialistischen Umbau der kubanischen Gesellschaft "Stufen überspringen", so wie es Mao in China 1956 mit den Zwangskollektivierungen bei seinem "Großem Sprung nach vorn" versucht hatte. "Kurz gesagt, Che war seiner Zeit weit voraus - in Gedanken hatte er bereits das Stadium des Kommunismus erreicht."Es gibt sicher nicht viele Menschen, die in einer solchen Situation zu einer derart selbstkritischen Haltung fähig sind. Doch dies war die Lebenshaltung Ernesto Guevara in seiner neuen Identität als Che. Und damit unterschied er sich deutlich von der überwiegenden Mehrheit seiner Kameraden, die auch im Kampf noch zu Überleben hofften.
Wie Sartre feststelle, waren die "Flitterwochen" der Revolution Ende 1960 vorüber, und nach den Maßstäben einer Revolution war seither eine lange Zeit verstrichen. Che war inzwischen kein junger Mann mehr; er war Vater von vier Kindern und als Minister auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn im revlotutionären Kuba.
Ches Beziehung zu Aleida gab vielen ein Rätsel auf, denn einen größeren Gegensatz als zwischen den beiden hätte man sch kaum vorstellen können. Che war ein intelektueller, ein Wissenschaftler und fleißiger Leser. Aleida liebte Filme und gesellschaftliche Ereignisse. Er war ein Asket und versagte such nach dem Komfort, den fast alle Frauen der anderen commandantes genossen. - selbst im revolutionären Kuba. Zu Hause schloß Che sich stundenlang in seinem kargen kleinen Arbeitszimmer voller Bücher ein, las, schrieb und studierte. Der einzige Schmuck in der Dachkammer bestand aus einem Bronzerelief Lenins. Wenn er gefragt wurde, warum er keine Pause einlege, verwies er auf die Arbeit, die er zu bewältigen habe. Nie hatte er genügend Zeit für Aleida udn die Kinder. Meist rief die Pflicht und seine Reisen, auf denen ihn Aleida nie begleiten durfte, dauerten stets lange. Seine Arbeitswoche dauerte von Montag bis Samstag, die Nächte eingeschlossen, und am Sonntag vormittag nahm er an freiwilligen Arbeitseinsätzen teill. Nur der Sonntagnachmittag war der Familie vorbehalten. Dann lag er auf dem Boden des Wohnzimmers und spielte mit seinen Kindern und ihrem deutsche Schäferhund Muralla (Wand), der auch ins Büro mitnahm.
"Che - Die Biographie" - John Lee Anderson
16.09.2013
vor Bolivien
Liebe viejos,
Denkt bisweilen an diesen kleinen condottiere des zwanzigsten Jahrhunderts... Eine große Umarmung von einem verlorenen, in Euren Augen so widerspenstigen Sohn.
Ernesto

Ernesto "Che" Guevara
wieder einmal fühle ich unter meinen Fersen die Rippen Rosinantes. Ich kehre auf den Weg zurück, meinen Schild unter dem Arm... Im wesentlichen hat sich nichts geändert, außer daß ich viel bewußter bin, daß mein Marxismus tiefer verwurzelt und reiner ist. Ich glaube an den bewaffneten Kampf als einzige Lösung für die Völker, die um ihre Freiheit kämpfen, und ich bin konsequent in meinen Überzeugungen. Viele werden mich einen Abenteurer nennen und ich auch einer; nur von einem anderen Typ, einer von denen, die ihre Haut hinhalten, um ihre Wahrheit zu beweisen. Mag sein, daß dies mein letzter Brief ist. Nicht daß ich mir das wünsche, aber es erscheint als logische Konsequenz. Wenn es so ist, umarme ich Euch ein letztes Mal.
Ich habe Euch immer sehr geliebt, nur habe ich nicht gewußt, wie ich meine Liebe zeigen sollte. Ich bin äußerst kompromißlos in meinen Handlungen, und ich glaube, daß ihr mich manchmal nicht verstanden habt. Aber es war auch nicht leicht, mich zu verstehen... Nun wird der starke Wille, den ich mit dem Vergnügen eines Künstlers geschliffen habe, meine schwachen Beine und meine müden Lungen weitertragen.
Ich werde es schaffen.Denkt bisweilen an diesen kleinen condottiere des zwanzigsten Jahrhunderts... Eine große Umarmung von einem verlorenen, in Euren Augen so widerspenstigen Sohn.
Ernesto
Für Aleida hinterließ er ein Tonband, auf das er seine liebsten Liebesgedichte gesprochen hatte, darunter auch mehrere von Neruda. Und in einem Brief an seine fünf Kinder, der ihnen erst nach seinem Tod vorgelesen sollte, schrieb er:
Solltet ihr einmal diese Brief lesen müssen, dann deshalb, weil ich nicht mehr unter Euch bin. Ihr werdet Euch kaum noch an mich erinnern und die Kleinen werden sich gar nicht erinnern.
Euer Vater war ein Mann, der so handelte, wie er dachte und gewiß einer, der seinen Überzeugungen treu geblieben ist. Werdet gute Revolutionäre. Lernt viel, um die Technik zu beherrschen, die es erlaubt, Natur zu beherrschen. Denkt immer daran, daß die Revolution das ist, was zählt, und daß jeder von uns allein nichts wert ist.
Seid immer fähig, bis ins tiefste jede Ungerechtigkeit zu empfinden, die irgendwo auf der Welt irgend jemandem angetan wird. Das ist die schönste Eigenschaft eines Revolutionärs. Auf immer, Kinderchen. Ich hoffe noch Euch wiederzusehen.
Einen dicken Kuß und eine Umarmung von PapaErnesto "Che" Guevara
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