16.01.2014

das erste Mal machte

Mit uns war noch eine Braut aus dem Sound gekommen. Tina. Detlef holte das Besteck, einen Löffel und Zitrone aus seiner Plastiktüte. Er tat das Dope auf den Löffel, tröpfelte Wasser und etwas Zitronensaft dazu, damit sich das Zeug, das ja nie ganz rein war, besser löste. Er kochte das Dope mit dem Feuerzeug auf und zog es in die Spritze. Diese alte Einwegsspritze war total verdreckt, die Spritze so stumpf wie eine Stricknadel. Erst machte sich Detlef den Druck und dann Tina. Und dann war die Nadel total verstopft. Da ging überhaupt nichts mehr durch. Jedenfalls behaupteten die beiden das. Vielleicht wollte sie auch nur nicht, dass ich mir einen Druck machte. Ich war aber jetzt erst recht wild darauf.
Da war noch ein Fixer auf der Toilette, völlig runtergekommen. Ich fragte ihn, ob er mir sein Besteck ausleihen könne. Der machte das. Jetzt hatte ich aber doch urischen Horror, mir die Nadel in die Vene an der Armbeuge reinzuhauen. Ich setzte an und schaffte es einfach nicht, obwohl ich es ja bei anderen schon oft gesehen hatte. Detlef und Tina taten so, als ginge sie das überhaupt nichts an. Ich mußte also den kaputten Typen bitten, mir zu helfen. Der wußte natürlich sofort, dass ich es das erste Mal machte. Ich kam mir ziemlich blöde gegenüber diesem alten Fixer vor.
Er sagte, er fände das Scheiße, nahm aber dann die Spritze. Da meine Venen kaum zu sehen sind, hatte er Schwierigkeiten, eine Ader zu treffen. Er mußte die Nadel dreimal reinhauen, bis er ein bißchen Blut in die Kanüle hochzog und wußte, daß er in der Vene war. Er murmelte immer wieder, daß er das Scheiße fände und knallte mir das ganze Viertel rein.
Es kam wirklich wie ein Hammer. Aber einen richtigen sexuellen Höhepunkt hatte ich mir schon anders vorgestellt. Ich war gleich danach total abgestumpft. Ich nahm kaum noch etwas wahr und dachte nichts mehr.

Die Kinder vom Bahnhof Zoo - Christiane F.

24.11.2013

Wo ist sie?

Marie zog das dunkelgrüne Kleid an, und obwohl sie Schwiergkeiten mit dem Reißverschluß hatte, stand ich
nicht auf, ihr zu helfen: es war schön anzusehen, wie sie sich mit den Händen auf den Rücken griff, ihre weiße Haut, das dunkle Haar und das dunkelgrüne Kleid; ich war auch froh zu sehen, daß sie nicht nervös wurde; sie kam schließlich ans Bett und ich richtete mich auf und zog den Reißverschluß zu. Ich fragte sie, warum sie denn so schrecklich früh aufstehe, und sie sagte, ihr Vater schliefe erst gegen morgen richtig und würde bis neun im Bett bleiben und sie müsse die Zeitungen unten reinnehmen und den Laden aufmachen, denn manchmal kämen die Schulkinder schon vor der Messe, um Hefte zu kaufen, Bleistifte, Bonbons und: "Außerdem", sagte sie, "Ist es besser, wenn du um halb acht aus dem Haus bist. Ich mache jetzt Kaffee und in fünf Minuten kommst du leise in die Küche runter. Ich kam mir fast verheiratet vor, als ich in die Küche runterkam, Marie mir Kaffee einschenkte und mir ein Brötchen zurechtmachte.[...] 
Es fiel mir schwer, von ihr wegzugehen, sie brachte mich bis zur Ladentür und ich küsste sie in der offenen Tür, daß Schmitz und seine Frau drüben es sehen konnten. Sie glotzten herüber wie Fische, die plötzlich überrascht entdecken, daß sie den Angelhaken schon lange verschluckt haben.[...]
Als ihr Vater hereinkam, hatte ich mich gerade gesetzt, ich stand sofort auf. Er war so verlegen wie ich, auch so schüchtern, er sah nicht böse aus, nur sehr ernst und als er die Hand zur Kaffeekanne austreckte, zuckte ich zusammen, nicht viel, aber merklich. Er schüttelte den Kopf, goß sich ein, hielt mit die Kanne hin, ich sagte danke, er sah mich immer noch nicht an. In der Nacht oben in Maries Bett, als ich über alles nachdachte, hatte ich mich sehr sicher gefühlt. Wie er nun aber da stand, über den Tisch gebeugt, mit der großen Glatze und dem grauen Haarkranz, kam er mir sehr alt vor. Ich sagte leise: "Herr Derkum, Sie haben ein Recht", aber er schlug mit der Hand auf den Tisch, sah mich endlich an, über seine Brille hinweg und sagte: "Verflucht, mußte das sein - und gleich so, daß die ganze Nachbarschaft dran teilhat? Ich war froh, daß er nicht enttäuscht war und von Ehre anfing. "Mußte das wirklich sein - du weißt doch, wie wir uns krummgelegt haben und jetzt", er schloß die Hand, öffnete sie, als wenn er einen Vogel freiließe, "nichts" - "Wo ist Marie?" fragte ich. "Weg", sagte er, "nach Köln gefahren." - "Wo ist sie?" rief ich, "wo?" - "Nur die Ruhe", sagte er, "das wirst du schon erfahren. Ich nehme an, daß du jetzt von Liebe, Heirat und so weiter anfangen willst - spar dir das - los, geh. Ich bin gespannt, was aus dir wird. Geh." Ich hatte Angst, an ihm vorbeizugehen. Ich sagte: "Und die Adresse?" - "Hier", sagte er und schob mir einen Zettel über den Tisch. "Sonst noch was", schrie er, "sonst noch was? Worauf wartest du noch?" - "Ich brauche Geld", sagte ich und ich war froh, daß er plötzlich lachte, es war ein merkwürdiges Lachen, hart und böse, wie ich es erst einmal von ihm gehört hatte, als wir über meinen Vater sprachen.
Er dachte ich wäre beleidigt, aber ich verstand ihn sehr gut. Ich sagte noch: "Schenken Sie mir noch eine Schachtel Zigaretten", und er griff sofort hinter sich ins Regal und gab mir zwei Schachteln. Er weinte. Ich beugte mich über die Theke und küßte ihn auf die Wange. Er ist der einzige Mann, den ich je geküßt habe.

"Ansichten eines Clowns" - Heinrich Böll

24.10.2013

das Trolley-Problem

Szenario 1:
Eduard ist der Fahrer einer Straßenbahn, deren Bremsen gerade versagt haben. Auf dem Gleis geradeaus vor ihm sind fünf Personen; die Böschung ist so steil, sodass sie keine Möglichkeit haben, rechtzeitig das Gleis zu verlassen. Das Gleis hat nach rechts eine Abzweigung und Eduard kann die Straßenbahn dorthin lenken. Unglücklicherweise befindet sich eine Person auf diesem rechten Gleis. Eduard kann die Straßenbahn umlenken und damit die eine Person töten; oder er kann es unterlassen, die Straßenbahn umzulenken und dadurch die fünf Personen töten...
Szenario 2:
Georg befindet sich auf einer Fußgängerbrücke. Er kennt sich mit Straßenbahnen aus und er kann sehen, dass die Straßenbahn, die sich der Brücke nähert außer Kontrolle geraten ist. Auf dem Gleis hinter der Brücke sind fünf Personen; die Böschung ist sehr steil und sie werden nicht die Möglichkeit haben, das Gleis rechtzeitig zu verlassen. Georg weiß, die einzige Möglichkeit, die außer Kontrolle geratene Straßenbahn zu stoppen, ist, ihr ein sehr schweres Gewicht in den Weg zu werfen. Aber das einzig verfügbare, ausreichend schwere Gewicht ist ein dicker Mann, der auch auf der Fußgängerbrücke die Straßenbahn beobachtet. Georg kann den dicken Mann auf das Gleis der Straßenbahn stoßen und ihn dadurch töten; oder er kann es unterlassen, die Straßenbahn aufzuhalten und dadurch fünf Personen sterben lassen.

von Philippa Foot und Judith Jarvis Thomson - das Trolley-Problem
"Philosophische Gedankenexperimente" 

14.10.2013

Es waren diese Tage


In welchen Zug er sich setzen sollte, wusste er nicht. Er wollte bloß allein sein, doch er wollte nicht bloß allein sein. Er wollte nichts tun, zugleich sehnte er sich danach, etwas Großes zu tun. Am liebsten hätte er sich zweigeteilt und als der eine Jonas zugesehen, wie der andere als leuchtender Stern am Himmel explodierte. Als er am Schalter die Fahrkarte kaufte, merkte er, wie dasselbe Gefühl in ihm aufstieg, das er damals im Garten empfunden hatte, die Flasche mit dem Olivenöl in der Hand. Er suchte sich ein freies Abteil und war sich bewusst, dass das, was er zu tun im Begriff war, wenig Sinn hatte und gerade dadurch Freiheit bedeutete. Auch wenn er nicht verstand, wie das eine mit dem anderen genau zusammenhing. In Kiel bat er einen alten Taxifahrer, ihn zur billigsten Herberge der Stadt zu bringen. Der Rezeptionist schwitzte stark, roch nach Alkohol, hatte schmutzige Fingernägel und fettige Haut. Das Zimmer war weniger schäbig als erwartet, zumindest war es nicht schmutzig. Dafür entdeckte er an der Nachttischlampe ein kaputtes Kabel mit einem blanken Draht. Die Einrichtiung war dunkel und trist. Jonas öffnete das kleine Fenster und legte sich aufs Bett.

Hier war er nun.
Überall könnte er sein. Er hatte genug Geld in der Tasche, er könnte in einem Nobelhotel in den Schweizer Alpen sitzen und den großen Mann spielen, er könnte mit seinem gefälschten Ausweis in einer New Yorker Bar versuchen, einen Drink zu bekommen, er könnte in London spazieren gehen, er könnte bei seiner schönen Freundin Vera sein und sich das Surfen beibringen lassen, ja vielleicht sollte er das sogar, er könnte auch einfach zu Hause sein, wo alles behaglich und vertraut war, doch er lag hier, auf einem Bett, auf dem weiß Gott wer alles gelegen war, in einem Zimmer, das wirkte, als kämen hierher Menschen zum sterben und vielleicht waren hier tatsächlich Menschen gestorben, er musste den Rezeptionisten fragen, er lag in einem Bett, in einer Stadt, die er nicht kannte und die ihn nicht interessierte, er befand sich in einer Situation, die ihn maßlos fesselte.

Ab und zu überkam ihn die Vorstellung einer Riesenwelle, die fern auf ihn zurollte. Doch er genoss das Gefühl, das dieses Bild in ihm auslöste, so wie er jeden Schritt, jede Sekunde des leeren Nichttuns in der Stadt genoss. Er hatte das Gefühl, nahe am Kern seines Wesens zu sein, an dem, was ihn im Innersten ausmachte, ohne freilich auch nur das Geringste davon zu verstehen. Zugleich sagte er sich, dass es Dinge gab, die sich jedem Verständnis entzogen.
Die nächsten drei Tage glichen den ersten. Die meiste Zeit zwang sich Jonas, das Zimmer nicht zu verlassen und genoss die absurde Befriedigung, die er aus dem Bewusstsein zog, eigene Befehle zu befolgen. Dann und wann verließ er das Haus, um sich die Stadt anzusehen und am Hafen zu sitzen. Er fuhr zu der Schule, in die Vera gegangen war, und besuchte andere Plätze, von denen sie ihm erzählt hatte. Überall machte er Fotos mit dem Fotoapparat, den er sich während eines Zwischenhalts gekauft hatte.
Liebe ist: den leuchtenden Punkt der Seele des anderen zu erkennen und anzunehmen und in die Arme zu schließe, vielleicht gar über sich selbst hinaus.
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Es waren diese Tage, in denen er vieles begriff. Er würde nie ein erfülltes Leben führen können, wenn er nicht versuchte, es einer Sache zu widmen, die größer war als er. Es mochte etwas sein, was er jetzt noch nicht kannte und nicht verstand - sein Leben sollte nicht beschränkt sein auf Inhalte, die den Menschen in Ketten legte und es sollte nie bestimmt werden von Angst, diesem Monster. Freiheit indes, er fühlte es so stark wie nie, war das höchste Gut. Physische, geistige, seelische Freiheit.- Kostbarer als Gesundheit. Wertvoller als Glück. Wichtiger als das Leben selbst.

"Das größere Wunder" - Thomas Glavinic

07.10.2013

kapitalistischer Zombie

Interview mit Michael Hardt, lehrender Philosoph und bekennender Marxist an der Duke University USA

Sie schreiben, dass der Geist der Revolte wie eine Fackel von Tunesien nach Ägypten und von dort nach Europa und in die USA gereicht worden sei. In Tunesien und Ägypten regieren heute Islamisten und Militärs, Spanien und Griechenland haben weiterhin große wirtschaftliche Probleme, und der Zucotti Park in New York ist nur och ein leerer Platz nahe der Wall Street. Man könnte sagen: Überall, wo die Fackel brannte, blieb nur Asche zurück.
Gute Metapher, aber lassen Sie uns eine andere probieren: 1851 blicke Karl Marx auf ein halbes Jahrhundert revolutionärer Aufbrüche in Frankreich zurück. Er sah lauter vertane Chancen: Die  Revolution von 1789 endete mit Napoleon, so schlimm ist es heute nicht mal in Tunesien. 1830 scheiterte die Junirevolution, 1848 die Februarrevolution . Marx war nicht frustriert, sondern beschrieb den  revolutionären Prozess als einen Maulwurf. Alle paar Jahre steckt er seinen Kopf aus dem Boden. Doch wenn ihn nicht sieht, ist er nicht weg: Unter der Erde gräbt er sich vorwärts und taucht an immer neuen Stellen auf.
Dennoch: Trotz aller Empörung gibt es keine Mehrheit gegen den Kapitalismus. Warum ist er nicht totzukriegen?
Ich halte ihn eher für untot, wie ein Zombie: Der Kapitalismus ist intellektuell erledigt, aber er läuft noch durch die Gegend und richtet Schaden an. Wir wissen um seine Unzulänglichkeiten, sind aber unfähig, uns etwas Besseres vorzustellen. Fredric Jameson schrieb, es falle uns heute leichter, uns das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende unseres Wirtschaftssystems. Da ist was dran.
Was ist eigentlich das Ziel für Sie, eine Welt ganz ohne Privateigentum? 
Nein, das wäre vielleicht ein Mittel, aber kein Ziel. Das Ziel einer revolutionären Veränderung ist eine Gesellschaft, die uns allen besser ermöglicht, unsere Potenziale zu entfalten. Für viele Menschen besteht heute keine Möglichkeit, zu tun, wozu sie in der Lage wären. Seiner Fähigkeiten beraubt zu sein ist brutal und betrifft oft junge Leute, für die es keine Arbeit und keine Mitbestimmung gibt.

Interview: Oskar Piegsa
Die Zeit: Campus, Ausgabe Nr 4 2013

17.09.2013

Sie sollen sein wie Che

      Fidel Castro und Ernesto "Che" Guevara in der Gefängniszelle 
      in Mexiko; vermutlich das erste Photo, auf dem beide 
      gemeinsam abgebildet sind.
"Es war eine Art ideale Vision des sozialistischen Menschen, dem materielles Gewinndenken völlig fremd geworden war, der für die Gesellschaft und nicht für Gewinn arbeitete. Die Erfolge der sowjetischen Industrie betrachtete er sehr kritisch, denn dort, so sagte er, arbeitet jeder und bemüht sich, seine Norm überzuerfüllen, aber nur um mehr Geld zu verdienen. Er fand, der sowjetische Mensch sei kein neuer Mensch, denn er unterscheide sich im Grunde nicht von den Yankees. Er weigerte sich, bewußt an der Schaffung einer zweiten amerikanischen Gesellschaft in Kuba mitzuwirken.", schreibt Dumont. Er hatte den Eindruck, Che wollte beim
sozialistischen Umbau der kubanischen Gesellschaft "Stufen überspringen", so wie es Mao in China 1956 mit den Zwangskollektivierungen bei seinem "Großem Sprung nach vorn" versucht hatte. "Kurz gesagt, Che war seiner Zeit weit voraus - in Gedanken hatte er bereits das Stadium des Kommunismus erreicht."

Am Morgen des 3. Juli eilte Che nach Altos de Merino, um einen Angriff der Regierungstruppen abzuwehren. "Als ich eintraf, war die Vorhut bereits im Anmarsch. Es kam zu einem kleinen Gefecht, und sie kreisten uns ein, doch wir leisteten kaum Widerstand. Mich überkam ein mir völlig neues Gefühl: Ich wollte überleben. Das muß ich bei der nächsten Gelegenheit korrigieren."
Es gibt sicher nicht viele Menschen, die in einer solchen Situation zu einer derart selbstkritischen Haltung fähig sind. Doch dies war die Lebenshaltung Ernesto Guevara in seiner neuen Identität als Che. Und damit unterschied er sich deutlich von der überwiegenden Mehrheit seiner Kameraden, die auch im Kampf noch zu Überleben hofften.

Wie Sartre feststelle, waren die "Flitterwochen" der Revolution Ende 1960 vorüber, und nach den Maßstäben einer Revolution war seither eine lange Zeit verstrichen. Che war inzwischen kein junger Mann mehr; er war Vater von vier Kindern und als Minister auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn im revlotutionären Kuba. 
Ches Beziehung zu Aleida gab vielen ein Rätsel auf, denn einen größeren Gegensatz als zwischen den beiden hätte man sch kaum vorstellen können. Che war ein intelektueller, ein Wissenschaftler und fleißiger Leser. Aleida liebte Filme und gesellschaftliche Ereignisse. Er war ein Asket und versagte such nach dem Komfort, den fast alle Frauen der anderen commandantes genossen. - selbst im revolutionären Kuba. Zu Hause schloß Che sich stundenlang in seinem kargen kleinen Arbeitszimmer voller Bücher ein, las, schrieb und studierte. Der einzige Schmuck in der Dachkammer bestand aus einem Bronzerelief Lenins. Wenn er gefragt wurde, warum er keine Pause einlege, verwies er auf die Arbeit, die er zu bewältigen habe. Nie hatte er genügend Zeit für Aleida udn die Kinder. Meist rief die Pflicht und seine Reisen, auf denen ihn Aleida nie begleiten durfte, dauerten stets lange. Seine Arbeitswoche dauerte von Montag bis Samstag, die Nächte eingeschlossen, und am Sonntag vormittag nahm er an freiwilligen Arbeitseinsätzen teill. Nur der Sonntagnachmittag war der Familie vorbehalten. Dann lag er auf dem Boden des Wohnzimmers und spielte mit seinen Kindern und ihrem deutsche Schäferhund Muralla (Wand), der auch ins Büro mitnahm.

Am Abend des 18. Oktober sprach Fidel auf der Plaza de la Revolucion in Havanna vor fast einer Million Menschen. Mit vor Bewegung heiserer Stimme beschrieb Fidel seinen alten Genossen als Verkörperung der revolutionären Tugenden. "Wenn wir einen Menschen zeichnen wollen, der nicht in unsere Zeit gehört, sondern in die Zukunft, dann erkläre ich aus vollem Herzen, daß dieser Mensch Che ist, ein Mensch ohne Makel, ohne einen einzigen Makel in seinem Verhalten. Und wenn wir beschrieben wollen, wie wir uns unsere Kinder wünschen, dann rufen wir, die leidenschaftlichen Revolutionäre, voller Inbrunst: Sie sollen sein wie Che!"

"Che - Die Biographie" - John Lee Anderson

16.09.2013

vor Bolivien

Liebe viejos,
wieder einmal fühle ich unter meinen Fersen die Rippen Rosinantes. Ich kehre auf den Weg zurück, meinen Schild unter dem Arm... Im wesentlichen hat sich nichts geändert, außer daß ich viel bewußter bin, daß mein Marxismus tiefer verwurzelt und reiner ist. Ich glaube an den bewaffneten Kampf als einzige Lösung für die Völker, die um ihre Freiheit kämpfen, und ich bin konsequent in meinen Überzeugungen. Viele werden mich einen Abenteurer nennen und ich auch einer; nur von einem anderen Typ, einer von denen, die ihre Haut hinhalten, um ihre Wahrheit zu beweisen. Mag sein, daß dies mein letzter Brief ist. Nicht daß ich mir das wünsche, aber es erscheint als logische Konsequenz. Wenn es so ist, umarme ich Euch ein letztes Mal. 
Ich habe Euch immer sehr geliebt, nur habe ich nicht gewußt, wie ich meine Liebe zeigen sollte. Ich bin äußerst kompromißlos in meinen Handlungen, und ich glaube, daß ihr mich manchmal nicht verstanden habt. Aber es war auch nicht leicht, mich zu verstehen... Nun wird der starke Wille, den ich mit dem Vergnügen eines Künstlers geschliffen habe, meine schwachen Beine und meine müden Lungen weitertragen. 
Ich werde es schaffen.
Denkt bisweilen an diesen kleinen condottiere des zwanzigsten Jahrhunderts... Eine große Umarmung von einem verlorenen, in Euren Augen so widerspenstigen Sohn.

Ernesto

Für Aleida hinterließ er ein Tonband, auf das er seine liebsten Liebesgedichte gesprochen hatte, darunter auch mehrere von Neruda. Und in einem Brief an seine fünf Kinder, der ihnen erst nach seinem Tod vorgelesen sollte, schrieb er:

Solltet ihr einmal diese Brief lesen müssen, dann deshalb, weil ich nicht mehr unter Euch bin. Ihr werdet Euch kaum noch an mich erinnern und die Kleinen werden sich gar nicht erinnern.
Euer Vater war ein Mann, der so handelte, wie er dachte und gewiß einer, der seinen Überzeugungen treu geblieben ist. Werdet gute Revolutionäre. Lernt viel, um die Technik zu beherrschen, die es erlaubt, Natur zu beherrschen. Denkt immer daran, daß die Revolution das ist, was zählt, und daß jeder von uns allein nichts wert ist.
Seid immer fähig, bis ins tiefste jede Ungerechtigkeit zu empfinden, die irgendwo auf der Welt irgend jemandem angetan wird. Das ist die schönste Eigenschaft eines Revolutionärs. Auf immer, Kinderchen. Ich hoffe noch Euch wiederzusehen. 
Einen dicken Kuß und eine Umarmung von Papa

Ernesto "Che" Guevara

10.08.2013

Unverandert

Sonnenaufgang.
Die Zeit in der ich zu schlafen pflegte, bevor ich dich kannte, legt schon am frühen morgen einen trüben Schimmer über meinen Tag. Wenn ich traurig bin, denke ich an dich, wie wenn man im Winter an die Sonne denkt und wenn ich fröhlich bin, denke ich an dich, wie wenn man in der prallen Sonne an Schatten denkt. Immernoch bleibt mein Blick aus dem Fenster stehen und stagniert auf einen Punkt. Dann sehe ich sie auf einer Bank liegen, ihren Kopf auf meinem Schoß, im Hintergrund ein großes Haifischbecken, wir die einzigen Besucher im Terrarium und eine unbändige Stille zwischen uns, als ich eine Haarsträhne aus deinem Gesicht fische.
Nach dieser Ruhe sehne ich mich. Oft redeten wir Zeiten nicht miteinander, die ich mehr als genoß. Wann kann man schon miteinander still sein. Manchmal bin ich verhältnismäßig ruhig, aber ich weiß, wenn sie nicht da ist, enthält auch diese Ruhe noch Gift, das stetig an meinem Herz nagt. 
Oft denke ich an dich, was würde sie dazu sagen, unterdrückt sie ein lächeln oder was sagt sie mienenlos. Dies will ich ihr zeigen und wenn ich das tue, soll sie da sein. Überhaupt sollst du überall dabei sein. Es ist nicht so, dass ich etwas kluges erwarte oder vielleicht wäre es gar nicht deine Sache, aber sie gehört dazu. Und wenn sie es nicht miterlebt, dann bleibt es halbherzig. In mir steckt eine unruhige Energie, die sich ausbreiten will zu Ideen, aber sie sehnen sich nach der Muse. Da wo du nicht bist, stehen nur Gedanken umher, wie diese. Schweigend harre ich aus und möchte durch Bitten nicht beunruhigen, denn meine Muse beglückt mich nur freiwillig.
Auch dieser Brief spricht nur das halbe, aber ich habe herausgefunden warum ich das tue. Oft mal ich dich in Gedanken aus, denn es ist so selten, dass eine Frau beides ist - eine Geliebte und eine Gefährtin. Die Geliebten können keinen Kaffee kochen und die Gefährten vernachlässigen dich, wenn sie zum ersten mal dein Bett beziehen und da bin ich sehr froh, dich gefunden zu haben, die beides ist: eine liebe Gefährtin am Tag und - das andere. Jedenfalls der Grund, dass ich schreibe, ist unser Leben zu erzählen, wie es hätte sein können.

Mit einem unendlich langen Kuss in die Beuge zwischen Ober- und Unterarm, wo es ganz weich und warm ist -
Talen

PS:  Ich würde noch heute meinen Anteil am Paradies für weitere sieben wolkenlose Monate mit dir hergeben

01.08.2013

Sie kommen näher, ohne dir in die Augen zu schauen


Wally Herbert schrieb 1968 Geschichte, als er eine nur mit Hundeschlitten ausgerüstete Expedition von Alaska zum Nordpol leitete: er ist der erste Mensch, der den Nordpol unbestritten zu Fuß erreicht hat. Per Fallschirmabwurf wurde er mit Lebensmitteln versorgt, fuhr dann weiter übers Eis bis Spitzbergen und hatte damit als Erster auf einer Strecke von 6115 Kilometern das arktische Packeis überquert. Im Verlauf von 40 Jahren reiste er 37000 Kilometer weit durch die Polargebiete, kartiere 119149 Quadratkilometer unbekannter arktischer Gebiete und lebte mit seiner Frau und seiner jungen Familie mehrere Jahre bei den Inuit auf Grönland. Ein Gebiet in der Antarktis und ein Berg der Arktis tragen seinen Namen.

Eisbären laufen normalerweise auf allen Vieren. Manchmal stellen sie sich auf die Hinterbeine, wenn sie noch ein Stück entfernt sind, um über die Grate aus verpresstem Eis hinüberzuschauen zu können. Sie sind zum Fürchten, aber sie sind auch sehr schön. Wenn sie ein Stück weit weg sind, dann sind es herrliche Tiere, aber wenn sie näher kommen, werden sie ungeheuer bedrohlich. Mit einem völlig furchtlosen Ausdruck auf ihren Gesichtern schlendern sie einfach auf dich zu. Fast beiläufig werfen sie hin und wieder einen Blick über die Schulter und man könnte meinen, sie seien gar nicht sonderlich interessiert. Aber sie laufen weiter in deine Richtung. Sie kommen näher, ohne dir in die Augen zu schauen; wie zufällig verringern sie dabei den Abstand...
Näher will ich einem Eisbären nicht kommen. Wir beschlossen, dass wir von da an alle Eisbären abschießen würden, die näher als sieben Meter herankämen; aber zuerst versuchten wir natürlich immer, sie in die Flucht zu schlafen. Wir versuchten es mit mehreren Methoden. Einmal gingen wir alle vier mit drei Gewehren auf einen Eisbären zu, machten eine Menge Lärm und schrien. Aber er kam weiter auf uns zu. Weil wir auch auf ihn zugingen, verringerte sich er Abstand natürlich nur umso schneller. Es war lächerlich. Wir hätten wirklich eine andere Richtung einschlagen sollen...

Irgendwie fanden wie es schade, einen Eisbären so liegen zu lassen, selbst wenn wir ihn in Notwehr geschossen hatten. Also zerteilten wir ihn pflichtschuldigst als Hundefutter. Es kostete uns etliche Stunden und war für uns vier sehr harte Arbeit. Die Hunde allerdings brachten von da an die vorbeilaufenden Eisbären mit dem Fleisch in Verbindung und gerieten außer Rand und Band, sobald ein Eisbär in Sicht kam. Sie wurden völlig verrückt und waren kaum noch zu bändigen.

Legendäre Expeditionen - Ferbus Flemming/Annabel Merullo