24.10.2012

Fader noch als Fleisch

Aber als meine Augen auf den Stapel weißer Blätter fielen, wurde ich von seinem Anblick gebannt und ich starrte mit erhobener Feder auf dieses blendende Papier: wie hart und grell es war, wie gegenwärtig. Es war nichts an ihm als Gegenwart. Die Buchstaben, die ich gerade darauf geschrieben hatte, waren noch nicht trocken, und schon gehörten sie mir nicht mehr,
"Man hatte Sorge getragen, die schändlichsten Gerüchte zu verbreiten..."
Diesen Satz hatte ich gedacht, er war zuerst ein Stückchen von mir selbst gewesen. Jetzt hatte er sich auf das Papier geprägt, bildete einen Block gegen mich. Ich erkannte ihn nicht wieder. Ich konnte ihn nicht einmal wiederdenken. Er war da, stand mir gegenüber; umsonst hätte ich in ihm ein Merkmal seiner Herkunft gesucht. Jeder andere hätte ihn schreiben können. Aber ich, ich war nicht sicher, ihn geschrieben zu haben. Die Buchstaben glänzten jetzt nicht mehr, sie waren trocken. Auch das war verschwunden: es war nichts mehr von ihrem Glanz übrig.
Was soll ich jetzt tun?[...]
Vor allem, mich nicht rühren, mich nicht rühren... Ach! Diese Schulterbewegung, ich habe sie nicht unterdrücken können... Das Ding, das wartete, ist aufgeschreckt, es ist über mich hergefallen, es strömt in mich hinein, ich bin davon angefüllt. - Es ist nichts: das Ding bin ich. Die Existenz, befreit, losgelöst, fließt in mich zurück. Ich exisitiere.
Ich sehe meine Hand, die sich auf dem Tisch ausbreitet. Sie lebt - das bin ich. Sie öffnet sich, die Finger spreizen und strecken sich. Sie liegt auf dem Rücken. Sie zeigt mir ihren fetten Bauch. Sie sieht aus wie ein umgefallenes Tier. Die Finger, das sind die Beinchen. Ich vergnüge mich damit sie zu bewegen, sehr schnell, wie die Beinchen einer Krabbe, die auf den Rücken gefallen ist. Die Krabbe ist tot: die Beinchen krümmen sich, ziehen sich auf den Bauch meiner Hand zurück. Ich sehe die Nägel - das einzige Ding an mir, das nicht lebt. Meine Hand kratzt eines ihrer Beinchen mit dem Nagel eines anderen Beinchens; Ich fühle ihr Gewicht auf dem Tisch, der ich nicht bin. Das dauert lange, lange, dieser Eindruck von Gewicht, das vergeht nicht. Es gibt keinen Grund, weshalb das vergehen sollte. Auf Dauer ist es unerträglich... Ich ziehe meine Hand zurück, ich stecke sie in die Tasche. Aber sofort spüre ich, durch den Stoff, die Wärme meines Schenkels. Sofort reiße ich meine Hand aus meiner Tasche; ich lasse sie an der Stuhllehne herunterhängen. Jetzt spüre ich ihr Gewicht am Ende meines Armes. Sie zieht ein bißchen, kaum, schlaff, schlabberig, sie existiert. Ich gebe es auf: wohin ich sie auch tue, sie wird weiter existieren und ich werde weiter fühlen, daß sie existiert; ich kann sie nicht unterdrücken, noch kann ich den Rest meines Körpers unterdrücken, weder die feuchte Wärme, die mein Hemd schmutzig macht, noch dieses ganze warme Fett, das träge kreist, als rühre man es mit dem Löffel um, noch alle diese Empfindungen, die sich darin hin und her bewegen, die kommen und gehen, die von meinen Rippen in meine Achselhöhle aufsteigen oder die von morgens bis abends still in ihrer gewohnten Ecke dahinvegetieren.
Ich springe auf: wenn ich bloß aufhören könnte zu denken, das wäre schon besser. Die Gedanken sind das Fadeste, was es gibt. Fader noch als Fleisch. Das zieht sich endlos in die Länge und hinterläßt einen komischen Geschmack.
Mein Speichel ist süß, mein Körper ist lauwarm; ich fühle mich fade. Mein Taschenmesser liegt auf dem Tisch. Ich klappe es auf. Warum nicht? Das bringt jedenfalls ein wenig Abwechslung. Ich lege meine linke Hand auf den Notizblock und stoße mir das Messer fest in die Handfläche. Die Bewegung war zu nervös: Die Klinge ist abgerutscht, die Wunde ist oberflächlich. Das blutet. Und was nun? Was hat sich geändert?[...]
Es schlägt halb fünf. Ich stehe auf, mein kaltes Hemd klebt an meinem Fleisch. Ich gehe hinaus. Warum? Nun, weil ich auch keinen Grund habe, es nicht zu tun. Auch wenn ich bleibe, auch wenn ich mich still in eine Ecke kauere, werde ich mich nicht vergessen. Ich werde da sein, ich werde auf dem Fußboden lasten. Ich bin.

Der Ekel - Jean-Paul Sartre

15.10.2012

Kommunisten und Schach


Natürlich bin ich wieder hingegangen. Ich habe die Tür aufgestoßen. Nach und nach habe ich die Mitglieder des Clubs kennengelernt. Fast alle waren Leute aus Ländern im Osten. Ungarn, Polen, Rumänien, Ostdeutsche, Jugoslawen, Tschechoslowaken, Russen, pardon, Sowjiets, verbesserten einige. Es gab auch einen Chinesen und einen Griechen. Die große Mehrheit teilte die Leidenschaft für das Schachspiel. Zwei oder drei verabscheuten es, spielten nicht und kamen trotzdem jeden Tag hierher. Sie hatten keinen anderen Ort, wo sie hingehen konnten.[...]
Sie hatten mehrere Dinge gemeinsam. Sie waren unter dramatischen oder phantasischen Umständen aus ihrer Heimat geflohen, häufig waren sie anläßlich einer geschäftlichen oder diplomatischen Reise in den Westen gegangen. Einige waren nie Kommunisten gewesen und hatten ihre Meinung jahrelang verheimlicht. Andere waren Kommunisten der ersten Stunde gewesen, zutiefst überzeugt, für das Wohl der Welt einzutreten, bevor ihnen der Schrecken des Systems bewußt wurde und sie erkannten, daß sie in ihre eigenen Falle getappt waren. Einige waren es noch immer, auch wenn sie von ihrer Partei und der kommunistischen Partei Frankeichs verleugnet und verstoßen worden waren, weil sie als Verräter galten.[...]
Sie hatten die Freiheit gewählt und dafür Frau, Kinder, Familie und Freunde aufgegeben. Deshalb gab es in diesem Club keine Frauen. Sie hatten sie in der Heimalt zurückgelassen. Sie waren Schatten, Parias, mittelos, ihre Diplome wurden nicht anerkannt. Ihre Frauen, ihre Kinder und ihr Land befanden sich in einer Ecke ihres Kopfes und ihres Herzens. Sie blieben ihnen treu.[...] Sie besaßen nichts, sie waren nichts, sie waren am Leben. Wie ein Leitmotiv kehrte es bei ihnen immer wieder: "Wir sind am Leben, und wir sind frei." Wie mir eines Tages Sascha sagte: "Der Unterschied zwischen uns und den anderen ist, daß sie leben und daß wir überlebt haben. Wenn man überlebt hat, hat man nicht das Recht, sich über sein Los zu beklagen, das wäre eine Beleidigung derer, die dageblieben sind." [...]

Ich ließ meine Kickerfreunde sitzen und wurde das jüngste Mitglied des Clubs. Ich freundete mich mit Igor Markish an, einem russischen Arzt, der mir Schachspielen beibrachte. Er hatte in Leningrad einen Sohn meines Alters. Er stellte mich seinem Kumpel Kessel vor, mit dem er russisch sprach. Auf diese Weise habe ich auch Sartre kennengelernt. Was ich von ihm erzählen kann, wiederspricht allen Biographien. Sartre scherzte, war ein Spaßmacher, schummelte beim Schachspiel, indem er Bauern stibitzte und in Lachen ausbrach, wenn Kessel ihn überraschte und sich wundere, wo sein Springer auf f5 abgeblieben war. Er kam nicht oft. Er spürte die Feindschaft mehrerer Clubmitglieder, die ihm seine Sympathie für den Kommunismus vorwafen, aber dennoch sein Geld annahmen. Er schrieb den ganzen Nachmittag auf einen Papierblock, ohne den Kopf zu heben, in seine Arbeit vertieft, seine Zigarette bis zum Filter aufrauchend, und niemand wagte es, ihn zu stören. Wir betrachteten ihn mit gewisser Scheu von ferne und hatten den Eindruck, privilegierte Zeugen eines Schaffensprozess zu sein und selbst die , die ihn nicht mochten, achteten darauf, daß Stille herrschte.
"Macht keinen Lärm. Sartre arbeitet."

Der Club der unverbesserlichen Optimisten - Jean-Michel Guenassia

22.09.2012

zu zeichnen begann

Sein unförmiger Körper, der aufgedunsene Bauch, die dicken Schenkel, die behaarte Brust und der breite, schlaffe Hintern, das alles schien ihm nichts auszumachen, so ruhig saß er da und ließ sich von ihr zeichnen, von Unbehagen oder Schüchternheit war ihm nichts anzumerken, und als sie ihn nach zehn Minuten fragte, wie es ihm gehe, sagte er, gut, er vertraue ihr, er hätte nie gedacht, dass er sich so wohlfühlen könnte, wenn jemand ihn so ansehe. Das Zimmer war klein, sie saßen nur gut einen Meter voneinander entfernt und als sie zum ersten Mal seinen Penis zu zeichnen begann, kam ihr der Gedanke, dass sie eigentlich keinen Penis mehr betrachtete, sondern einen Schwanz, dass Penis das Wort für das Ding auf der Zeichnung sei, Schwanz hingegen das Wort für das Ding da einen Meter vor ihren Augen, und wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass Bing einen schönen Schwanz hatte, weder länger noch kürzer als die Mehrheit derer, die sie in ihrem Leben gesehen hatte, aber dicker als die meisten, gut geformt und ohne Besonderheiten oder Schönheitsfehler, ein vorzügliches Exemplar männlicher Auststattung, nicht das was man einen Belistiftschwanz nennt, sondern ein voluminöser Füllfederhalter, ein gediegener Pfropfen für jegliche Körperöffnung.
Als sie ihn ihn mitten in der dritten Skizze fragte, ob er was dagegen hätte, ein wenig an sich herumzuspielen, es interessiere sie, wie es aussehe, wenn er steif werde, antwortete er, kein Problem, es mache ihn sowieso ziemlich scharf, so für sie zu posieren, da habe er auch überhaupt nichts dagegen. Während der vierten Zeichnung bat sie ihn, für sie zu masturbieren und wieder gehorchte er bereitwillig, fragte aber zur Sicherheit nach, ob sie sich nicht lieber auch ausziehen und ihn zu sich aufs Bett lassen würde, was sie jedoch mit Nein beantwortete, sie wolle ihre Sachen lieber anbehalten und weiterzeichnen, aber wenn er im letzten Moment vom Stuhl aufstehen, zu ihr ans Bett treten und sich in ihren Mund entladen wolle, habe sie dagegen nichts einzuwenden.

Sunset Park - Paul Auster

13.09.2012

Die Scheibenwelt


Zweiblum griff nach den Gitterstäben und zog sich hoch.
"Siehst du was?", erklang Hruns Stimme weiter unten.
"Nur Wolken"
Der Barbar ließ ihn herab und nahm auf der Kante eines hölzernen Bettes Platz. Abgesehen von den beiden Liegen enthielt die Kammer keine weiteren Einrichtungsgegestände. "Verdammer Mist", sagte er.
"Gib dich nicht der Verzweiflung hin", erwiederte Zweiblum.
"Verzweiflung? Was ist das?"
"Bestimmt handelt es sich um ein Mißverständnis. Ich nehme an, man läßt uns bald frei. Die Leute hier scheinen recht zivilisiert zu sein."
Hrun wölbte buschige Augenbrauen und musterte den Touristen. Er setzte zu einer Antwort an, überlegte es sich dann anders und seufzte. [...]
"Was passiert jetzt?, fragte Zweiblum.
Hrun bohrte sich im Ohr und betrachtete anschließend den Zeigefinger.
"Oh", meinte er,"ich schätze, gleich öffnet sich die Tür, und dann bringt man mich in eine Arena, wo ich gegen zwei Riesenspinnen und einen achtfüßigen Sklaven aus Klatsch kämpfen muss. Anschließend rette ich irgendeine Prinzessin vom Opferaltar und töte den ein oder anderen Wächter, woraufhin mir die junge Frau einen nach draußen führenden Geheimgang zeigt. Wir schnappen uns zwei Pferde und entkommen mit dem Schatz." Hrun faltete die Hände hinterm Kopf, sah zur Decke hoch und summte leise vor sich hin.
"Glaubst du wirklich, dass soviel geschehen wird?"
"Würde mich überhaupt nicht überraschen."

Die Scheibenwelt ruht auf den breiten vom Sternenschimmer gebräunten Schultern von vier riesigen Elefanten, die ihrerseits auf dem Rücken einer durchs All wandernden gewaltigen Schildkröte namens Groß-A'Tuin stehen. Frühe Astrouoologen sammelten viele Informationen über Gestalt und Natur A'Tuins und der Elefanten, aber grundsätzliche Fragen nach Sinn und Zweck des Universums vleiben unbeantwortet. Zum Beispiel: War A'Tuin weiblichen oder männlichen Geschlechts? Die Astrozoologen wiesen daraufhin, dass man in dieser Hinsicht nur mit Hilfe eines noch größeren und leistungsfähigeren Flaschenzuggerüsts Aufschluß gewinnen könnte. - Seit 1983 sind bereits über 50 Bücher über das Leben auf der Scheibenwelt veröffentlicht worden.

Die Farben der Magie - Terry Patchett

25.08.2012

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris
Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag, Österreich-Ungarn; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz) war einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache. Daneben verfasste er Erzählungen, einen Roman und Aufsätze zur Kunst und Kultur sowie zahlreiche Übersetzungen von Literatur und Lyrik unter anderem aus der französischen Sprache. Sein umfangreicher Briefwechsel bildet einen wichtigen Bestandteil seines literarischen Schaffens.

20.08.2012

Gevatter Tod

"Jetzt sollst du dein Patengeschenk empfangen. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen. Steh’ ich zu Häupten des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder gesund machen, und gibst du ihm dann von jenem Kraut ein, so wird er genesen. Steh’ ich aber zu Füßen des Kranken, so ist er mein, und du mußt sagen, alle Hilfe sei umsonst. Aber hüte dich, daß du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es könnte dir schlimm ergehen.” Es dauerte nicht lange, so war der Jüngling der berühmteste Arzt auf der ganzen Welt. "Er braucht nur den Kranken anzusehen, so weiß er schon, wie es steht, ob er wieder gesund wird oder ob er sterben muß", so hieß es von ihm, und weit und breit kamen die Leute herbei, holten ihn zu den Kranken und gaben ihm so viel Gold, daß er bald ein reicher Mann war. Nun trug es sich zu, daß der König erkrankte. Der Arzt ward berufen und sollte sagen, ob Genesung möglich wäre. Wie er aber zu dem Bette trat, so stand der Tod zu den Füßen des Kranken, und da war für ihn kein Kraut mehr gewachsen. "Wenn ich doch einmal den Tod überlisten könnte", dachte der Arzt, "er wird’s freilich übelnehmen, aber da ich sein Pate bin, so drückt er wohl ein Auge zu, ich will’s wagen." Er faste also den Kranken und legte ihn verkehrt, so daß der Tod zu Haupten desselben zu stehen kam. Dann gab er ihm von dem Kraute ein, und der König erholte sich und ward wieder gesund. [...]

"Es ist aus mit dir, und die Reihe kommt nun an dich", packte ihn mit seiner eiskalten Hand so hart, daß er nicht widerstehen konnte, und führte ihn in eine unterirdische Höhle. Da sah er, wie tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, andere halbgroß, andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige, und andere brannten
wieder auf, also daß die Flämmchen in beständigem Wechsel zu sein schienen. ,,Siehst du", sprach der Tod, "das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen." -
"Zeige mir mein Lebenslicht", sagte der Arzt und meinte, es wäre noch recht groß. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte: "Siehst du, da ist es." - "Ach, lieber Pate", sagte der erschrockene Arzt, "zündet mir ein neues an, tut mir's zuliebe, damit ich König werde und Gemahl der schönen Königstochter." - ,"Ich kann nicht", antwortete der Tod, "erst muß eins verlöschen, eh' ein neues anbrennt. - "So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zu Ende ist", bat der Arzt. Der Tod stellte sich, als ob er seinen Wunsch erfüllen wollte, langte ein frisches, großes Licht herbei, aber weil er sich rächen wollte, versah er's beim Umstecken absichtlich, und das Stöckchen fiel um und verlosch. Alsbald sank der Arzt zu Boden und war nun selbst in die Hand des Todes geraten.

Märchen der Gebrüder Grimm

19.08.2012

Schweineglück

Die nächste Fußwanderung wurde noch gefährlicher, weil dicker Nebel aufkam, jeder Mann mußte den anderen an der Jacke fassen. Auf den eigenen Spuren wollten sie zum Schiff zurückwandern, John Franklin kontrollierte die Richtung mit dem Kompaß. Aber an den Spuren fiel auf, daß sie merkwürdig frisch waren, zudem wurden sie immer zahlreicher. Dem Kompaß und der Zeit nach hätte die Gruppe schon längst wieder beim Schiff sein müssen. Sie hatten sich verirrt und waren im Kreis gelaufen. "Dabei bleiben wir warm, und irgendwo müssen wir ja ankommen!"
"Ich nehme mir Zeit, bevor ich einen Fehler mache", entgegnete Franklin freundlich. Er befahl, daß sich alle so warm wie möglich einpackten und um die Tranlampe setzten. Die Musketen waren für den Fall, daß sich ein Eisbär hier umsah, gut geladen.
John kauerte und überlegte. Was die anderen ihm auch sagten, Vorschläge, Theorien, Fragen - er nickte nur und überlegte weiter. Selbst als Reid zu Back hinüberraunte: "Du hattest recht mit 'Handicap'", schob John alle Fragen, die sich stellen ließen, weit weg. Er brauchte jetzt nur Zeit.
Eine Weile später fragte Reid:"Wollen wir hier einfach nur warten, Sir?" Aber John war immer noch nicht fertig. Mochte auch der Tod bevorstehen, das war kein Freund eine Überlegung vorzeitig zu beenden. Schließlich stand er auf:
"Mr. Back, Sie schießen alle drei Minuten eine Muskete ab, insgesamt drei Stunden lang, danach zu jeder Stunde einmal, zwei Tage lang. Wiederholen Sie!"
"Sind wir dann nicht tot, Sir?"
"Möglich. Aber bis dahin schießen wir. Bitte, die Bestätigung!"
Back wiederholte stotternd. Als niemand mehr mit einer Erklärung rechnete sagte John: "Das ganze Eisfeld dreht sich. Es ist die einzige Lösung. Deshalb gehen wir im Kreis auch wenn wir nach dem Kompß immer in die derselben Richtung marschieren. Bei Wind hätte wir es sofort gemerkt."
Vier Stunden später hörten sie dünn einen Schuß durch den Nebel und dann immer wieder Antworten auf die ihrigen. Eine Stunde danach vernahmen sie rufende Stimmen, schließlich wurden Männer mit Seilen sichtbar und hinter ihnen, kaum hundert Fuß entfernt, das ragende Heck der Trent.
"Sie haben ein Schweineglück, Sir!" bemerkte Back erleichtert und frech, aber von Geringschätzung war nichts zu spüren, im Gegenteil. Reid verzog das Gesicht. Zu ihm sagte Back: "Wenn wir auf dich gehört hätten, wären wir jetzt sonstwo und war als Eiszapfen!" Reid schwieg. Er gab sich plötzlich einen Ruck und trat heftig nach einer Schneeflocke. John wunderte sich. Wie konnte man nach einer Schneeflocke teten? War da noch etwas anderes?

Die Entdeckung der Langsamkeit - Sten Nadolny

26.07.2012

Elisabeth mußte lächeln

Auch sein gegenwärtiges Interesse an einer anderen Frau konnte ihn nicht vergessen lassen, daß Elisabeth die erste gewesen war, die seine Aufmerksamkeit erregt und auch verdient hatte, die als erste ihn angehört und bedauert hatte, die erste, die er verehrt hatte; und in der Art, wie er ihr Lebewohl sagte, wie er ihr viel Vergnügen wünschte und sie daran erinnerte, was sie von Lady Catherine de Bourgh zu gewärtigen hatte, und wie er der Überzeugung Ausdruck gab, sie würden in ihrer Meinung über diese Dame, ja in ihrer Meinung über jedemann, stets übereinstimmen - in allem lag so viel Bersorgtheit, so viel Anteilnahme, daß sie sich ihm schon dadurch stets innerlich verbunden fühlen mußte; und sie schied von ihm in der Überzeugung, daß er, ganz gleich ob verheiratet oder ledig, ihr stets als Ideal alles dessen erscheinen mußte, was sie für liebenswert und erfreulich hielt.
Ihre Mitreisenden am nächsten Tag waren nicht dazu angetan, sein Bild irgendwie zu verdunkeln. Sir William und seine Tochter Maria, ein gutmütiges Geschöpf, das genauso hohlköpfig war wie er selbst, hatten nichts zu sagen, was anhörenswert sein konnte und Elisabeth ließ ihr Gespräch mit ungefähr dem gleichen Vergnügen über sich ergehen wie das Rattern des Wagens.

"Sprich mit Lissy selbst darüber. Sag ihr, du bestehst darauf, daß sie ihn heiratet."
Frau Bennet läutete die Glocke, und Fräulein Elisabeth wurde in die Biblbiothek gerufen.
"Komm her, mein Kind", rief der Vater, als sie erschien. "Ich habe dich wegen einer wichtigen Angelegenheit holen lassen. Soviel ich weiß, hat Herr Collins dir einen Heiratsantrag gemacht. Ist das wahr?" Elisabeth bestätigte es. "Na schön- und diesen Heiratsantrag hast du abgelehnt?"
"Ja, Vater."
"Na schön. Da kommen wir also jetzt zur Sache. Deine Mutter besteht darauf, daß du ihn annimmst. Nicht wahr, Frau Bennet?"
"Ja, oder sie soll mir nicht vor die Augen kommen!"
"Da stehst du vor einem unglückseligen Zwiespalt, Elisabeth. Vom heutigen Tage an mußt du von einem Elternteil als Fremdling betrachtet werden. Deine Mutter will dich nicht mehr sehen, wenn du Herr Collins nicht heiratest, und ich will dich nicht mehr sehen, wenn du ihn heiratest."
Elisabeth mußte lächeln, daß die Angelegenheit nach einem solchen Anfang einen solchen Ausgang nahm; doch Frau Bennet, die sich eingebildet hatte, Herr Bennet sähe die Sache in ihrem Sinne an, war schwer enttäuscht.
"Was soll das heißen, Bennet, so daherzureden? Du hast mir doch versprochen, darauf zu dringen, daß sie ihn heiratet."
"Meine Teure", erwiderte ihr Gatte, "ich muß um zwei kleine Gefälligkeiten bitten: Erstens, daß du mir erlaubst, in der gegenwärtigen Angelegenheit freien Gebrauch von meinem Verstande zu machen; und zweitens, freien Gebrauch von meiner Biblbiothek zu machen. Ich würde mich freuen, wenn ich mein Arbeitszimmer sobald als möglich wieder für mich haben könnte."

Stolz und Vorurteil - Jane Austen

17.06.2012

Es geht uns gut


Zur allgemeinen Verblüffung geht es der Menschheit und ihrer Umwelt nicht von Jahr zu Jahr schlechter, sondern immer besser. In den entwickelten Ländern ist die Luft heute sauberer als früher, die Flüsse sind reiner, die Lebenserwartung steigt, die Kindersterblichkeit geht zurück. Mehr als sieben Milliarden Menschen gibt es auf der Erde, fast zehnmal so viele wie zu Malthus' Zeiten. Viele von ihnen leben in äußerst bescheidenen, einige in schrecklichen Verhältnissen. Doch der Mehrheit geht es gut, jedenfalls im Vergleich zu früheren Zeiten.[...]
Simon hatte volles Vertrauen in die Menschen. Er ging davon aus, dass steigende Preise die Phantasie und Kreativität anregen. Wird eine Ressource knapp, so seine Überzeugung, dann steigt zunächst ihr Preis. Verbraucher und Unternehmen suchen daraufhin nach Verfahren und Alternativen, um die Knappheit zu überwinden. Der Wettbewerb wird zum "Entdeckungsverfahren", wie es Friedrich August von Hayek nannte. Der Eiffelturm in Paris ließe sich heute problemlos mit 2000 Tonnen Stahl statt mit 7000 Tonnen bauen. Vor hundert Jahren produzierte ein Bauer gerade genug Lebensmittel, um vier Menschen zu ernähren. Heute erntet ein einziger moderner Mähdrescher pro Tag so viel Weizen, dass es für eine halbe Million Brote reicht. Es sind seriöse Wissenschaftler wie der Brite Matt Ridley, die sagen, dass ein modernes Auto bei voller Fahrt heute weniger Schadstoffe produziert als 1970 ein geparktes Auto durch die Lecks in seinen Leitungen.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Simon Kuznets hat Mitte des vergangenen Jahrhunderts untersucht, wie sich das Bruttoinlandsprodukt auf die Einkommensverteilung auswirkt. Später haben andere Ökonomen seine Methode auf die Umweltverschmutzung übertragen. Es kam heraus, dass mit steigendem Wohlstand zunächst die Umweltverschmutzung zunimmt, ein Trend, der sich in Schwellenländern wie China und Indien gerade gut beobachten lässt. Die Menschen dort sind derzeit noch mehr an Kühlschränken interessiert als an der Frage, welchen Schaden Kühlmittel in der Atmosphäre anrichten.
Doch sobald eine Gesellschaft ein gewisses Wohlstandsniveau erreicht, ändert sich die Situation. Die Menschen sehen die verdreckten Flüsse, die verstopften Straßen und die verpestete Luft nun als Ärgernis an. Sie sehnen sich nach mehr Lebensqualität. Umweltschutz rückt ins Zentrum der Politik. [...]
Es ist nicht realitätsfremd, den Wachstumsdrang der Schwellen- und Entwicklungsländer dämpfen zu wollen, sondern auch umweltfeindlich. Globaler Umwelt- und Klimaschutz wird nur funktionieren, wenn die Grundbedürfnisse halbwegs befriedigt sind. Wer ums Überleben kämpft, hat andere Sorgen als Flora und Fauna. "Sind nicht Armut und Not die größten Umweltverschmutzer?", fragte schon Indiens damalige Ministerpräsidentin Indira Gandhi, als die Vereinten Nationen 1972 in Stockholm ihre erste Umweltkonferenz abhielten. "Wir wollen die Umwelt keineswegs weiter verschlechtern, doch wir können nicht für einen Moment die grausame Armut einer großen Zahl von Menschen vergessen. Die Umwelt kann unter den Bedingungen der Armut nicht verbessert werden."
Es braucht ein Mindestmaß an materiellen Wohlstand, damit sich eine Gesellschaft für Ökologie interessiert. Empirische Studien kommen zu dem Ergebnis, dass in Schwellenstaaten die Umweltbelastungen zunächst steigen, bis das Bruttoinlandsprodukt (BIP) einen Pro-Kopf-Wert von etwa 8000 Dollar erreicht. An diesem Punkt setzt ein Bewusstseinswandel ein. Die Menschen haben ihre physiologischen Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Obdach so weit befriedigt, dass sie eine positive Einstellung zum Umweltschutz entwickeln. In China, das Pro-Kopf-BIP liegt kaufkraftbereinigt dort jetzt bei etwa 8400 Dollar, lässt sich dieses Phänomen gut beobachten. De Regierung treibt das Thema Umweltschutz voran. Die Luft in Peking und Schanghai wird klarer. Auf anrührende Weise sind die Menschen bemüht, die Natur in die Städte zurückzuholen.[...]

"Ökofimmel" - Alexander Neubacher