02.01.2012

du bist, was du hast


Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe und dann verliere, was ich habe? Nichts als ein besiegter, gebrochener, erbarmenswerter Mensch, Zeugnis einer falschen Lebensweise. Weil ich verlieren kann, was ich habe, mache ich mir natürlich ständig Sorgen, dass ich verlieren werde, was ich habe. Ich fürchte mich vor Dieben, vor Krankheit, vor dem Tod und ich habe Angst zu lieben, Angst vor Freiheit, vor dem Wachsen, vor der Veränderung, vor dem Unbekannten. So lebe ich in ständiger Sorge und leide an chronischer Hypochondrie, nicht nur in bezug auf Krankheiten, sondern hinsichtlich jeglichen Verlusts, der mich treffen könnte; ich werde defensiv, hart, mißtrauisch, einsam von dem Bedürfnis getrieben, mehr zu haben.

Ein weiterer ermutigender Aspekt ist die wachsende Unzufriedenheit mit unserer gegenwärtigen Gesellschaftsordnung. Eine zunehmende Zahl von Menschen empfindet die "malaise du siecle" aller Verdrängungsversuche. Sie fühlen die Öde ihrer Isolation und die Leere ihres Zusammenseins; sie empfinden ihre Ohnmacht, die Sinnlosigkeit ihres Lebens. Viele spüren das sehr klar und bewußt; andere weniger deutlich, aber sie werden gewahr, wenn jemand anderer es in Worte faßt.

Haben oder Sein - Erich Fromm

so macht's 'ne Frau

"Warte mal 'ne Minute. Ich werd dir was zu essen zurechtmachen. Vielleicht hast du's nötig."
So machte sie mir also was zu essen zurecht und fragte: "Sag mal, wenn sich 'ne Kuh hinlegt, mit welchem Ende steht sie dann zuerst wieder auf? Antworte mir gleich - denk nicht erst drüber nach. Mit welchem Ende steht sie zuerst auf?"
"Mit dem hinteren Ende."
"Na, und 'n Pferd?"
"Mit dem vorderen Ende."
"An welcher Seite sind die Bäume am meisten mit Moos bewachsen?"
"An der Nordseite."
"Wenn fünfzehn Kühe zusammen auf 'nem Abhang weiden, wie viele von ihnen halten dann beim Fressen den Kopf in dieselbe Richtung?."
"Alle fünfzehn."
"Na, ich glaube, du hast wirklich auf dem Lande gelebt. Ich dachte, vielleicht wolltest du mich wieder an der Nase rumführen. Wie heißt du denn nun wirklich?"
"George Peters."
"Na, versuch, dich dran zu erinnern, George. Vergiss nicht und erzähl mir nicht, du heißt Alesander, bevor du gehst, um dich dann, wenn ich dich erwische, damit rauszureden, dein Name war George-Alexander. Und komm in dem alten Kuttenkleid da Frauen nicht zu nah. Die Rolle von 'nem Mädchen spielst du ziemlich schlecht, aber Männer könntest du vielleicht irreführen. Du lieber Himmel Kind, wenn du 'ne Nadeln einfädeln willst, dann halt nicht den Faden still und für nicht die Nadel heran, sondern halt die Nadel still und führ den Faden durch - so macht's 'ne Frau fast immer, aber Männer machen's stets umgekehrt.[...]

"Huckleberry Finns Abenteuer" - Mark Twain

20.02.2011

Kust Cobains suicide note

To Boddah

Speaking from the tongue of an experienced simpleton who obviously would rather be an emasculated, infantile complain-ee. This note should be pretty easy to understand.

All the warnings from the punk rock 101 courses over the years, since my first introduction to the, shall we say, ethics involved with independence and the embracement of your community has proven to be very true. I haven't felt the excitement of listening to as well as creating music along with reading and writing for too many years now. I feel guity beyond words about these things.

For example when we're back stage and the lights go out and the manic roar of the crowds begins., it doesn't affect me the way in which it did for Freddie Mercury, who seemed to love, relish in the the love and adoration from the crowd which is something I totally admire and envy. The fact is, I can't fool you, any one of you. It simply isn't fair to you or me. The worst crime I can think of would be to rip people off by faking it and pretending as if I'm having 100% fun. Sometimes I feel as if I should have a punch-in time clock before I walk out on stage. I've tried everything within my power to appreciate it (and I do,God, believe me I do, but it's not enough). I appreciate the fact that I and we have affected and entertained a lot of people. It must be one of those narcissists who only appreciate things when they're gone. I'm too sensitive. I need to be slightly numb in order to regain the enthusiasms I once had as a child.

On our last 3 tours, I've had a much better appreciation for all the people I've known personally, and as fans of our music, but I still can't get over the frustration, the guilt and empathy I have for everyone. There's good in all of us and I think I simply love people too much, so much that it makes me feel too fucking sad. The sad little, sensitive, unappreciative, Pisces, Jesus man. Why don't you just enjoy it? I don't know!

I have a goddess of a wife who sweats ambition and empathy and a daughter who reminds me too much of what i used to be, full of love and joy, kissing every person she meets because everyone is good and will do her no harm. And that terrifies me to the point to where I can barely function. I can't stand the thought of Frances becoming the miserable, self-destructive, death rocker that I've become.

I have it good, very good, and I'm grateful, but since the age of seven, I've become hateful towards all humans in general. Only because it seems so easy for people to get along that have empathy. Only because I love and feel sorry for people too much I guess.

Thank you all from the pit of my burning, nauseous stomach for your letters and concern during the past years. I'm too much of an erratic, moody baby! I don't have the passion anymore, and so remember, it's better to burn out than to fade away.

Peace, love, empathy.
Kurt Cobain

Frances and Courtney, I'll be at your alter.
Please keep going Courtney, for Frances.
For her life, which will be so much happier without me.
I LOVE YOU, I LOVE YOU!

15.09.2010

das Holz spielte mit


Er orderte sich seine Damen und bestellte sie wieder ab, behandelte sie wie Leibeigene, rückte sie hin und her wie Schachfiguren, die Villa war mindestens sechsmal größer als meine Alt-Treptower Mietwohnung, und doch schien er die Stille nicht zu kennen, die unter meinen tiefen Decken im Hochparterre lastete, das Ticken des Sekundenzeigers, nachts um halb drei.

"Karen ist die beste Freundin deiner Mutter. Glaubst du etwa, die heirate ich?"

Bereits den Vorgänger von Karens Filmemacher hatte meine Mutter, als bloßen Kifferkünstler abtuliert, der das Bauen von Joints für Kunst halte, was meine Mutter den Beinamen Eliteniete gebracht hatte, der von ihr wiederrum mit Biedertiger pariert worden war, und immer so fort. Für meinen Vater hatte das offenbar keine Gültigkeit, die letzten Jahre waren in seinem Bewusstsein einfach nicht angekommen, einen Moment horchte ich nach, ob er nicht doch "beste Feindin" gesagt hatte.

"Hier ist mein Plan: Zunächst rasierst du dir eine Tonsurglatze, dann trinkst du dir einen Bierbauch an und schließlich meidest du die Sonne. Wenn du dann kahl, fett und blass bist, hast du ganz schnell deine Ruhe!"

Ich setzte den Fuß wieder auf die Schwelle, bewegte ihn vor und zurück, das Holz spielte mit, quietschte hoch, quietschte tief, verstummte erst, als ich das Gewicht auf die Fersen verlagerte.

"Ist da noch jemand?"
"Für wen ziehst du dich denn immer so großartig an?"
Ich wies auf den passgenauen anliegenden Anzug, dessen Kaschmirwolle selbst im Dunkeln noch schimmerte. "Es erwartet doch niemand, dass du allein bist. Sag es mir einfach, sprich endlich mit mir!"

"Du brauchst dringend wieder eine Freundin, dann ist dir alles egal."

Etwas drückte hinter meinen Augäpfeln und wollte nach außen, mein Vater ging auf mich zu, klopfte mir auf den Rücken, es klang als schlüge Holz auf Metall.
"Mach endlich mal Licht!"

Er streifte sein Jackett von den Schultern, der feine Stoff entlud sich in winzigen, blau knisternden Funken; in Anzughose und Haifischkragenhemd stand mein Vater zwischen dem Spiegel und mir.

"Das erotische Talent meines Vaters" - Björn Kern

09.09.2010

Lolita


Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta. Sie war Lo, einfach Lo am Morgen, wenn sie vier Fuß zehn groß in einem Söckchen dastand. Sie war Lola in Hosen. Sie war Dolly in der Schule. Sie war Dolores auf amtlichen Formularen. In meinen Armen aber war sie immer Lolita.



Hatte sie eine Vorläuferin? Ja doch, die hatte sie. Es hätte vielleicht gar keine Lolita gegeben, hätte ich nicht eines Sommers ein gewisses Ur-Mädchenkind geliebt. In einem Prinzenreich am Meer. Ach, wann war es doch? Ungefähr so viele Jahre vor Lolitas Geburt, wie mein Alter in jenem Sommer betrug. Bei einem Mörder können Sie immer auf einen extravaganten Prosastil zählen.

Meine Damen und Herren Geschworene, Beweisstück Nummer eins ist, was die Seraphim neideten, die schlecht unterrichteten, naiven, edelbeschwingten Seraphim. Ergötzen Sie sich an diesem Dorngestrüpp.

"Lolita" - Vladimir Nabokov

02.09.2010

Der bunte Tod


Auf dem Gipfel der feuerroten Düne stand ein riesenhafter Löwe. Er stand genau vor der Sonne, so daß seine gewaltige Mähne das Löwengesicht wie ein Flammenkranz umloderte.
Aber diese Mähne und auch das übrige Fell war nicht gelb, wie es sonst bei Löwen der Fall ist, sondern ebenso feuerrot wie der Sand, auf dem er stand.
Der Löwe schien den Knaben, der im Vergleich zu ihm winzig im Tal zwischen den beiden Dünen stand, nicht bemerkt zu haben, vielmehr schaute er auf die roten Buchstaben, die den gegenüberliegenden Hügelhang bedeckten. Und dann ließ er wieder diese gewaltige, grollende Stimme vernehmen: "Wer hat das getan?"
"Ich", sagte Bastian.
"Und was heißt das?"
"Es ist mein Name", antwortete Bastian, "ich heiße Bastian Balthasar Bux."
Nun erst wandte der Löwe ihm seinen Blick zu und Bastian hatte das Gefühl, als ob ihn ein Flammenmantel einhüllte, in dem er auf der Stelle zu Asche verbrennen würde. Doch diese Empfindung war sogleich vorüber, er hielt dem Blick des Löwen stand.
"Ich", sagte das gewaltige Tier, "bin Graograman, der Herr der Farbenwüste, den man auch
den Bunten Tod nennt."
Noch immer sahen sie sich gegenseitig an und Bastian fühlte die tödliche Gewalt, die von
diesen Augen aus ging.
Es war wie ein unsichtbares Kräftemessen. Und schließlich senkte der Löwe den Blick. Mit
langsamen, majestätischen Bewegungen kam er von der Düne herab. Als er auf den
ultramarinblauen Sand trat, wechselte auch seine Farbe, so daß Fell und Mähne nun ebenfalls
blau waren. Das riesenhafte Tier blieb einen Augenblick vor Bastian stehen, der zu ihm
aufschauen mußte wie die Maus zu einer Katze, dann plötzlich legte Graogramán sich nieder
und senkte das Haupt vor dem Knaben bis zum Boden.
"Herr", sagte er, "ich bin dein Diener und harre deiner Befehle!"
"Ich möchte aus dieser Wüste hinaus", erklärte Bastian, "kannst du mich hinausbringen?"
Graograman schüttelte die Mähne.
"Das, Herr, ist für mich unmöglich."
"Warum?"
"Weil ich die Wüste mit mir trage."

"Die unendliche Geschichte" - Michael Ende

Davongetragen

Leben ohne Sinn und Verstand.
Sterben ohne einen Grund.
Nimm das Leben in die eig'ne Hand,
Denn meine ist schon wund.

Sterben ohne jemand zu sein.
Leben ohne etwas zu erreichen.
Davongetragen mit hellem Schein,
Und alle Träume weichen.

Todeswunsch, den nichts mehr hält.
Die größte Sehnsucht deines Lebens.
Ausgesondert von der kalten Welt,
Gibt es ein Ende deines Strebens.

von Regina Buchheim aus Frankfurter Bibliothek 2010

22.08.2010

nimmer mehr

er nimmt

immer nimmt er.
immer er
und immer mehr!

immer nimmt er mehr und mehr?

nein, nimmer!
nimmer nimmt er!
er nimmt nimmer!

nimm du!
immer nimm,
nimm, denn du hast alles gegeben!

immer.

von Nika Baum *1960 aus Frankfurter Bibliothek 2010

02.07.2010

Kaat. Die schöne Kaat mit den feurien Augen.


Kaat mit feurigen Augen.. Kaat, die auf einem Stuhl saß und sich mit konzentriertem Blick die Zehennägel lackierte. "Schau, was für eine lustige Farbe", und sie strecke mir ihren Fuß hin, wackelte mit den Zehen. Kaat, die eine Viertelstunde lang an die Decke konnte. "Was siehst du bloß?", fragte ich, und sie schrak aus ihren GEdanken auf. "Ach, nix. Nur so, eine Spinne. Wie sie läuft." Die hereinkam und sagte: "Hallo, alter Mann in jungem Körper." Die einen am liebstn küsste, wenn man Eis aß. "Herrlich kalte Zunge hast du jetzt. Mit Aroma." Die, wenn sie sich auszog, immer mit der Unterhose anfing, noch kurz mit nacktem Po rumtigerte, erst dann folten Top und BH. Kaat mit der Narbe in der Leitse, wo sie als kleines Mädchen von einem Hund gebissen worden war, und die nur ich zu sehen bekam. Kaat, die alles, was sie tat, ständig kommentierte. Jetzt mach ich das... und jetzt mach ich... Mann, ich bekam einfach weiche Knie, wenn ich daran dachte, dass sie zu mir gehörte, es war so unwarscheinlich, so neu.


Ich war achtzehn, was wusste ich von diesen Dingen?


Dieser Körper, nicht zu kräftig, nicht zu zart, genau so, wie man sich einen Frauenkörper wünschte. Und ich wollte ihn zurück. Ich wollte diese Hitze nicht, ich hatte nicht um Dinge gebeten, die sich zwischen und stellten. Ich wollte diese Falte an ihrem Bauch, wenn sie nackt auf der Matratze saß und rauchte, und den Geruch, der sie umgab, wenn wir gerade gevögelt hatten. Ich wollte erleben, wie sie dann aufstand, um zu pinkeln, die Schenkel aneinandergedrückt, aus Angst, mein Samen könnte auf den Fußboden landen. Und wie sie prustend zurückkam und erzählte, wie viel es wieder gewesen sei! Unter das Laken kroch und sagte: "Mein kleiner Superman!"

Ich wollte mir nicht auf dem Klo einen runterholen müssen, wenn Kaat kurz mal rausging, um sich Zigaretten zu kaufen. Und ihr danach in die Augen schauen. Und Angst haben, was weiß ich, warum, sie könnte es riechen!

"Misfit" - Vincent Overeem

10.03.2010

... ... ... ... ... ... ... ... ...

"Ich hab gehört, du erzählst neuerdings von mir im Radio." sagt das Känguru.
"Findeste nicht gut?", frage ich.
"Kommt drauf an, was du erzählst", sagt das Känguru.
"Nur Gutes", sage ich.
"Nur Lügen!", ruft das Känguru empört.
"Zum Beispiel?", frage ich.
"Zum Beispiel, dass ich ständig Sachen mitgehen lasse. Oder dass ich palettenweise Schnapspralinen fresse!"
Stumm deute ich auf die leere Packung Schnapspralinen neben der Schlafstelle des Kängurus und öffne danach den Schrank, in dem sich unzählige Aschenbecher zu bedohlichen Türmen stapeln.
"Die Geschichten haben sich genauso ereignet, wie ich sie erzählt habe.", sage ich. "Ich schreib ja immer gleich alles mit."
"Immer?", fragt das Känguru.
"Immer", sage ich.
"Alles?"
"Alles."
"Auch das jetzt?"
"Auch das."
"Na, dann will ich deinem Publikum mal was verklickern", sagt das Känguru.
"... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... .. .. ... .. .... ... .... .. .. ..... ... ....."
"Des schreib ich nicht", sage ich.
"So, das schreibste jetzt nicht?", fragt das Känguru.
"Nö", sage ich.
"Aber das jetzt wieder?", fragt das Känguru.
"Ja", sage ich.
Das Känguru schnuppert in der Luft herum. Daran erkennt man, dass es Hunger hat.
"Schreibst du immer noch?", fragt es.
"Ja", sage ich.
"Hör auf damit", sagt das Känguru.
"Nö", sage ich.
"Hör auf", sagt das Kängauru.
"Ich schreibe: Hör auf, sagt das Känguru", sage ich.
"Hör auf oder ich komm rüber und nehm dir den Stift weg."
"Ui. Da hab ich aber Angst", sage ich.
Das Känguru hüpft vom Tisch auf mich zu und versu

"Die Känguru-Chroniken" - Marc-Uwe Kling